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9.November 2018

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Nun ist es wieder soweit: der 9.November muss begangen werden. Ich meine, die sogenannte „Reichskristallnacht“, nicht den Fall der Mauer. Dieser war ja in den vergangenen Jahren das vorherrschende Thema, nun aber, wegen des wachsenden Antisemitismus‘ ist die „Kristallnacht“ wieder „wichtiger“. Und: es ist ein rundes Jubiläum, es sind genau 80 Jahre seit die Synagogen in Deutschland brannten.

Bausteinkiste „Gedenkkultur“

Und wir sehen, was geschieht: Die Medien machen sich auf, des 9.November zu gedenken. Filme über Antisemitismus überall, Artikel, Mahnungen, Erinnerungen, die üblichen Worte, der übliche Wortschatz aus der Bausteinkiste „Gedenkkultur“. Gewiß, jeder meint’s gut. Nur: Wen erreicht das eigentlich?

Längst wissen wir, daß „Aufklärung“ nichts bringt. Auch nicht Bildung. Wer sich ein wenig in der Geschichte des NS-Regimes auskennt, weiß, daß die Eliten durchaus ebenfalls glühende Anhänger von AH wurden.

Nein, das wohl einzige, was hilft, ist Ächtung. Mit allen Konsequenzen. Allein die mühselig in Gang gekommene Empörung über die beiden Rapper beim Echo-Verleih, der große Hype um das Buch von Oliver Polack, der im Grund nichts Neues erzählt, außer daß es verdammt schwierig ist als Jude in Deutschland zu leben und man immer und immer wieder mit Antisemitismus konfrontiert wird – allein diese jeweils durchaus aufgeregten Diskurse zeigen, daß nichts wirklich begriffen wurde. Wir hatten doch dieselben Diskussionen Anfang der 90er Jahre, gleich nach der Wiedervereinigung als die Neo-Nazis ihr Unwesen trieben. Auch da große Aufgeregtheit und entschiedene „Empörung“. Und? Was hat’s gebracht?

Unterschiedliche Erfahrungswelten

Dieses „Staunen“ über das Anwachsen des Antisemitismus‘ läßt mich staunen. Doch im Grunde ist es nicht wirklich überraschend. Juden und Nichtjuden in Deutschland leben in unterschiedlichen Erfahrungswelten. Und die Mehrheitsgesellschaft will im Grunde nichts mit diesem problematischen Thema zu tun haben. Und da ist ja dann auch noch das schlimme, böse, schreckliche Israel, da sollten sich Juden mal lieber zurückhalten mit ihrer Kritik an den Zuständen in Deutschland.

Inzwischen, nach vielen Jahren in Deutschland und der Auseinandersetzung mit diesem Thema, ist mir natürlich klar, daß die öffentlichen Diskurse, die in schöner Regelmäßigkeit hochpoppen, etwas sind, was sich vor allem in der Medienlandschaft niederschlägt. Kaum etwas dringt „nach unten“ durch. Wer’s nicht glaubt, kann sich gern im Netz umsehen, um nur ein Beispiel zu nennen.

Die Gedenkveranstaltungen jetzt zum 9.November sind inzwischen ein Ritual der Bundesrepublik geworden. Sie müssen sein, natürlich, da Deutschland, das offizielle Deutschland, sich der Vergangenheit erinnern und erklären muß, daß es sich von der Nazi-Vergangenheit abhebt, unterscheidet. Aber hat „das Volk“ das so verinnerlicht? Die Frage stellen sich immer mehr Juden in Deutschland. Und mit wem auch immer ich spreche: Jeder, wirklich jeder, sagt mir dasselbe: ‚Wann ist der Zeitpunkt gekommen, um zu gehen? Machen wir denselben Fehler wie die Juden in den Zwanziger und Dreißiger Jahren, die nicht glauben wollten, was sich da zusammenbraute?‘

Ja, wann ist der Zeitpunkt gekommen zu gehen? Daß Juden sich am 9.November 2o18 eine solche Frage in Deutschland stellen müssen, sollte die Regierenden in Berlin zu denken geben. Ganz egal, ob sie gehen werden, gehen müssen,  oder auch nicht. Es erzählt etwas über den Zustand der Republik.

Denn was viele vergessen: dort wo Antisemitismus salonfähig wird, bleibt es nicht dabei. Dort wo Antisemitismus möglich ist, ist die Demokratie für alle in Gefahr.

2 Gedanken zu „9.November 2018

  1. Mal im Ernst: Wollen Sie nun immer wieder allen Juden in Deutschland raten nach Israel zu gehen? Einem Land, in dem die Gefahr, durch einen Anschlag oder einen Raketenangriff der Palästinenser umzukommen sicher deutlich höher ist, als die Gefahr durch ein paar rechtsradikale Spinner in Deutschland? Und sind sie wirklich sicher, dass alle die Jahr Aufklärung nichts gebracht haben? Wären sie demnach erst zufrieden, wenn es in Deutschland gar keine Rechtsextremen mehr gäbe? Aber wie wollte man das hinbekommen? Leider lässt sich Dummheit nicht verbieten. Und jedes Land hat leider seine Extremisten, ob nun von rechts oder links. Ausnahmslos jedes! Die USA haben sie, genauso wie andere europäische Länder. Und in Asien sieht es sicher auch nicht anders aus. Die Verteilung der politische Einstellung folgt in normalen, demokratischen Gesellschaften wohl mehr oder weniger einer Gausß-Kurve: Die meisten drängen sich in der Mitte. Das ist der Grund, warum alle Volksparteien sich dort drängen. Und rechts und links davon, am Rand der Kurve sinkt die Zahl der Vertreter und die extremen Haltungen nehmen zu. Es gibt also immer ein paar Extremisten. Eine gesunde Demokratie sollte das aushalten können und sie gleichzeitig in ihre Schranken weisen. Die Rechts- wie die Linksextremen in gleicher Weise. Die Mehrheit der Deutschen hat aber ihre Lektion gelernt und wohl auch in politischen Diskurs der vergangenen Jahre verstanden, dass wir nicht eine Abwanderung sondern eine Zuwanderung von qualifizierten Menschen aus anderen Ländern brauchen, wie der Stille Zuwanderungskonsens zeigt: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zuwanderung-deutschlands-stiller-konsens-a-1236600.html
    Wir heißen also alle weltoffenen Menschen bei uns willkommen, die etwas Positives zu unserer Gesellschaft beitragen wollen. Ihrem Appell zum Gehen kann ich nicht zustimmen!

  2. Es ist zwar nicht angenehm, aber ich muss anerkennen, das Sie Recht haben und ich (und wohl zuviele) Selbstbetrug begangen haben. Das sollten wir ändern, z.B. in dem wir die „unterschiedlichen Erfahrungswelten“ auflösen. Z.B. durch mehr gemeinsame Erfahrungen und weniger Lippenbekenntnisse. Weiss noch nicht wie das gehen kann aber egal wie ich wäre gerne dabei. Denn Sie haben auch damit Recht, unsere Demokratie ist in Gefahr. Ich glaube aber, dass es „diesmal“ gelingen wird, genügend Verteidiger aufzubieten.

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