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Biodeutsche, #MeTwo und mein erster Artikel

Eine Menge an Zuschriften habe ich in diesen Tagen erhalten. Mit – wie kann es auch anders sein – vielen Mißverständnissen, zu denen auch Focus Online beigetragen hat. Focus Online hat – ohne mich zu fragen – einige Zitate aus einem meiner letzten Blogposts herausgenommen und sein ganz eigenes Ding daraus gemacht. Nun ja … Einige Leser reagierten darauf und schrieben mir, daß sie es schade finden, daß ich mich „jetzt“ als Jude und nicht mehr als Deutscher definiere.

 

Definitionen …

Das ist insofern falsch, als ich mich

1. immer als Jude definiert habe, weil ich es einfach bin und

2. daß ich mich als Deutscher definiere, ganz egal, ob andere das auch so sehen oder nicht. Daß ich eben

3. mich so definiere wie ich will und ich eben „jetzt“ bzw. schon sehr viel länger nicht mehr darum kümmere, als was mich andere definieren. Nichts anderes wollte ich sagen.

 

Biodeutsche – Labeling nervt

Und dann gab es die, die mir schrieben, daß sie doch bitte nicht als „Biodeutsche“ von mir bezeichnet werden möchten, sie mögen diese Definition nicht, sie fühlen sich da angegriffen. Nun, das hat mich so ein ganz klein wenig gefreut, selbst wenn ich „Biodeutsche“ natürlich ironisch meine, denn das ist ein Begriff, den die extreme Rechte in Deutschland benutzt, um sich abzugrenzen von Deutschen wie mir und anderen – und das allein ist schon wirklicher Schwachsinn. Aber ich habe mich über den Ärger dieser Leser insofern „gefreut“, als daß sie da mal ganz kurz erlebten, wie das ist, wenn man ein Leben lang gelabelt wird und was das mit einem tut. Es ist nämlich ärgerlich und es nervt und es kann auch verletzen. So einfach.

 

#MeTwo – Schon vor 32 Jahren

Und darum will ich Ihnen heute etwas „Nostalgisches“ anbieten. Meinen allerersten Artikel, der je veröffentlicht wurde, und mit dem ich meine journalistische Laufbahn begann, nachdem ich zuvor 10 Jahre am Theater gearbeitet hatte. Es war ein Artikel, den ich im Alter von 30 Jahren schrieb, also nun vor fast 32 Jahren. Ich beschrieb damals, wie sinnlos es war zu versuchen, „Deutscher“ zu werden, weil die Umwelt einen als solchen nicht akzeptiert. Sie sehen: Das Thema hat sich in all den Jahrzehnten nicht verändert. Lesen Sie also hier meinen Artikel:

„Auf der Suche nach der verlorenen Heimat“ in DIE ZEIT aus dem Jahr 1987:

 


Auf der Suche nach der verlorenen Heimat

 

Richard Chaim Schneider, der Autor dieses Beitrags, lebt als Münchener in München. Im Alter von 30 Jahren sah er sich eingeholt von der Wahrheit des Talmud: „Wenn du vergißt, daß du Jude bist, wird dich deine Umwelt daran erinnern.“ Seinem Bericht gab er die Überschrift: Auf der Suche nach der verlorenen Heimat. Über die Schwierigkeiten eines jungen Juden, sich zu assimilieren.

 
»Zu unserer Hochzeit am 7. September laden wir Dich recht herzlich ein.« – Im Frühsommer des vergangenen Jahres flatterte mir die Einladung von jüdischen Freunden ins Haus. Freunden? Menschen, die ich aus der Zeit, als ich noch aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde war, gut kannte und die ich jetzt nur noch zufällig trat Mein Gott, fast zehn Jahre war ich auf keiner Bar-Mizwah- oder Hochzeitsfeier mehr gewesen. Damit wollte ich nichts mehr zu tun haben, das hatte ich hinter mir gelassen – dachte ich.

Raus aus dem Getto, rein in die Assimilation. Jude sein allein ist nicht abendfüllend – dieses Motto Fritz Kortners machte ich auch zu meinem eigenen. Und plötzlich, im Alter von 30 Jahren, das Bedürfnis, da hinzugehen, Gesichter aus der Jugendzeit wiederzusehen, Heimat zu spüren. Heimat? Wieso Heimat? Deutschland ist meine Heimat, meine Kultur, meine Sprache, mein Zuhause – meinte ich halt so einfach, irgendwie und überhaupt und naja, was denn sonst? Israel? Aber nein, ich bin doch kein Zionist, ich bin Mitteleuropäer, mein Denken, mein Fühlen …

 

Festliche Abendkleidung

„Festliche Abendkleidung“ stand auf der Einladung. Gähnende Leere diesbezüglich in meinem Kleiderschrank. Als „Luftmensch“, neuhochdeutsch: Künstler, hatte ich zwar eine gewisse Narrenfreiheit bei der Gemeinde, aber ich wollte ja Heimat spüren, also Regeln und Gepflogenheiten akzeptieren, und so trabte ich brav zum Kostümverleih, lieh mir Smoking plus Hemd plus Fliege und ärgerte mich, daß mein Selbstverwirklichungsdrang mich zum Theater getrieben hatte statt zu einem der klassischen Broterwerbsstudien für höhere jüdische Söhne: Medizin, Jura oder Diplom-I.D.B. (In Daddy’s Business). Schließlich rundete ein Gang zum Friseur mein mir selber vorgeschriebenes Image als erfolgreicher jüdischer junger Mann ab, und so konnte es nun losgehen, alles war perfekt. Außer einer Kleinigkeit. Doch davon später.

Was ist eigentlich geschehen? So viele Jahre lief ich ohne Probleme durch diese Republik, betrachtete mich als Teil dieses Volkes, war vom aktuellen politischen Geschehen betroffen, weinte sogar, als Helmut Schmidt abtreten mußte. Ich liebte meine Heimatstadt München, liebte den Dialekt, den ich als Kind selbstverständlich sprach, liebte mein Weißbier und meine Weißwürste, war glücklich, wenn ich durch das bayerische Voralpenland fuhr. Und heute: Ratlosigkeit, Distanz.

Mitten hinein geboren ins Wirtschaftswunder, „erlebte“ ich den Krieg dennoch recht intensiv: einmal durch die Erzählungen meiner Eltern und ihrer Freunde, die alle im KZ waren, und dann durch das zum Teil noch zerstörte Stadtbild Münchens. Wie spannend war es, in den Ruinen zu spielen, in der Hoffnung, eine noch scharfe Bombe zu finden.

Ich erinnere mich an eine Geschichte, die mir meine Mutter erzählte, als ich etwa fünf oder sechs Jahre alt war. Sie befand sich in einem Viehwaggon mit -zig anderen Juden, alten und jungen. Sie wurden irgendwohin transportiert. Schließlich hielt der Zug, sie hörten Stimmen, Kommandos, Hundegebell. Die Deutschen verschwanden aber wieder, ohne daß der Waggon, in dem sich meine Mutter befand, geöffnet wurde. Stille trat ein. Plötzlich rief irgend jemand: „Sie haben uns vergessen. Seid still, rührt euch nicht! Sie haben uns vergessen, laßt uns warten, bis es dunkel wird.“ Keiner wagte es mehr, einen Laut von sich zu geben. Stunden vergingen. Es war stickig, eng, qualvoll. Die Nacht kam, mit ihr kamen die Deutschen. Verschwunden war die Hoffnung.

 

Meine Eltern

Meine Eltern waren ein merkwürdiges Gespann: Mein Vater, aus einem Stetl in den slowakischen Karpaten stammend, besuchte fünf Jahre die berühmte Galanter Jeschiwah (Rabbinerschule in Galanta). Er war, was man sich unter einem frommen Juden so vorstellt. Obwohl seine Eltern und vier seiner fünf Geschwister im Lager umkamen, hielt er nach dem Krieg an seinem Glauben fest, auch wenn er sich schnell den äußeren Gepflogenheiten anglich: keine Pajes (Schläfenlocken), kein Bart, normale Kleidung. Ich bewunderte meinen Vater, der sehr darauf erpicht war, mir eine religiöse Erziehung zu geben. Er sorgte dafür, daß ich bereits als Dreijähriger die ersten Gebete sprechen konnte – nichts Unübliches für ein religiöses Kind –, Hebräisch lesen und schreiben lernte und die Gesetze der Thora einhielt. Ich aß koscher, ging an den Feiertagen in die Synagoge, legte schließlich Tefillim (Gebetsriemen), hatte überwiegend jüdische Freunde, kurz, ich war völlig eingebettet in das jüdische Leben.

Meine Mutter stammte aus der Großstadt, aus Budapest. Trotz eines traditionell jüdischen Lebens war ihre Familie der weltlichen Kultur gegenüber offen. So studierte meine Mutter Gesang am Budapester Konservatorium, in der Hoffnung, eine große Karriere zu machen. Sie war es, die mich sehr früh mit Kunst, was für sie gleichbedeutend mit Allgemeinbildung war, fütterte. Allgemeinbildung war das Wichtigste. Ich erhielt bereits mit fünf Jahren Klavierunterricht, las alles, was mir in die Hand gedrückt wurde, ging ins Theater und in die Oper und lernte eine Fremdsprache nach der anderen, da meine Mutter immer darunter gelitten hatte, außer Ungarisch und einem zunächst sehr schlechten Deutsch keine andere Sprache zu sprechen. So war meine Erziehung eingebettet zwischen zwei Pole: „Wisse, woher du kommst“ und „Wissen ist Macht“, denn je mehr man weiß, desto eher kann man sich durchschlagen, ja selbst im KZ hat man noch eine Chance, sich nützlich zu machen, wenn man etwas gelernt hat. Dies impfte meine Mutter mir immer wieder ein. Und selbstverständlich hatte sie auch einen Traumberuf für mich: Arzt, denn den braucht man immer und überall.

Übrigens Arzt, da gab es einen im KZ, einen Deutschen, der bei der Ankunft meiner Mutter dafür sorgte, daß ihre Haare nicht abrasiert, sondern nur kurzgeschnitten wurden, denn meine Mama war blond und blauäugig …

Ich kann nicht behaupten, daß diese zweigleisige Erziehung oder die KZ-Erlebnisse meiner Eltern mich besonders neurotisiert hätten. Irgendwie fand ich das alles ganz normal und selbstverständlich. Wenn ich heute zurückdenke, so scheint mir, daß Begriffe wie „Vergasen“, „Nazi“, „KZ“, „Sechs Millionen“ und dergleichen mehr immer schon in meinem Bewußtsein und meinem kindlichen Denken vorhanden waren. „Die Deutschen“ – das waren brutale, schreiende, gefühllose Schweine, die Mörder meiner Großeltern und meines Volkes, aber nicht die Deutschen um mich herum, und schon gar nicht Günter und Peter, meine beiden deutschen Kameraden, mit denen ich in unserem Hinterhof spielte. Immer aber war mir klar, daß ich Jude war und kein Deutscher, daß ich nicht dazugehörte zu den Menschen um mich herum. Ich empfand dies jedoch nicht als Manko, im Gegenteil. Als Fünfjähriger war ich einige Tage in einem katholischen Kindergarten und klärte die anderen auf, daß ich Jude sei, so wie Jesus, und sie mich deshalb ebenfalls anbeten müßten. Kein Wunder, daß man meine Eltern bat, mich doch in einen anderen Kindergarten zu stecken.

 

Paradiesische Zustände und deren Ende

Lange blieb mir mein paradiesischer Zustand erhalten. Meine Volksschuljahre verbrachte ich in einer französischen Schule in München, Da gab es Franzosen, Engländer, Amerikaner, Russen, Schwarze und Gelbe, Mohammedaner und Juden. Jeder war etwas Besonderes und dadurch hoben sich die einzelnen Besonderheiten wieder auf, wodurch jeder nur er selbst war, egal ob er Pierre-Dominique, John, Oleg, Abdullah oder Chaim hieß. Die Gettoisierung war perfekt. Entweder war ich mit meinen jüdischen Freunden zusammen oder mit meinen internationalen. Außer Günter und Peter gab es fast niemanden, der deutsch war und zu mir nach Hause kam.

Plötzlich änderte sich alles. Mit zehn Jahren kam ich in ein deutsches Gymnasium. Alles war deutsch. Die Lehrer, die Schüler, die Ordnung, die Disziplin, die Sauberkeit, die Pünktlichkeit. Im ersten Jahr saß ich mit Matthias in einer Bank. Matthias trug Lederhosen, Haferlschuhe, kariertes Hemd und den Heinrich-Himmler-Gedächtnis-Haarschnitt – so nannten das die anderen: Topf auf den Kopf und drumherum wegrasiert. Diese Frisur erschreckte mich. Sie erinnerte mich an die Köpfe vieler SS-Offiziere, die ich auf Photos gesehen hatte. Plötzlich war es soweit: „Die Deutschen“ und meine Umwelt begannen identisch zu werden. Und ich bekam Angst.

Zurück wollte ich, zurück in die Ecole Française. Ich war todunglücklich. Ich war in der b-Klasse, natürlich. Die a- und c-Klassen, das waren die Katholen. Einen Juden steckte man lieber zu den Protestanten, das vertrug sich besser. Aber nichts war in Ordnung. Beneideten mich meine Klassenkameraden anfangs um meine zwei Freistunden in der Woche, während sie Religionsunterricht hatten, so wurde daraus bald Neugier, was für ein exotisches Tier ich denn sei. Wenn ich an Rosch ha Schana, unserem Neujahrsfest, in der Schule fehlte, so war man zwar neidisch, lachte aber über den Blödsinn, daß Neujahr im September sein soll.

Wohlgemerkt, nie erlebte ich in meiner Klasse Antisemitismus, aber Distanz und vor allem eine Cliquenwirtschaft, in die ich nur schwer einzudringen vermochte, da die meisten sich noch aus der Volksschule kannten. Meinen jüdischen Freunden ging es ähnlich, und deshalb blieb man in der Freizeit meistens unter sich.

Während jedoch die wenigsten es gewagt hätten, nichtjüdische Klassenkameraden mit nach Hause zu nehmen, so war das für mich unproblematisch. Immer durfte ich mitbringen, wen ich wollte, schließlich lebte man zwar in der Diaspora, nicht aber im Getto alten Stils. Das Getto war ein geistiges und emotionales, vor allem aber ein freiwilliges. Natürlich hieß es: „Paß auf, was du draußen redest, du bist Jude“, „Fall nicht zu sehr auf, du bist Jude“, natürlich sog ich die jüdische Paranoia mit der Muttermilch ein. Dennoch bemühten sich meine Eltern, nicht zu verallgemeinern. Obwohl sie keinen einzigen Deutschen zu ihrem Freundeskreis zählten, ließen sie mir freie Wahl.

 

Moses, Jimi Hendrix und Hitler

Hier begann mein schizoider Zustand. Einerseits war es eine Katastrophe für meine Eltern, sich vorzustellen, ich könnte ein nichtjüdisches Mädchen heiraten und mein Volk und meinen Glauben verraten, andererseits hieß es, ich solle meine Umwelt akzeptieren und mich integrieren. Die Deutschen als Ganzes waren eine permanente Bedrohung, bei jedem einzelnen zählte der jeweilige Charakter. Meine Mutter schwärmte für deutsche Kunst und war glücklich, wenn ich Goethe, Schiller, Kleist verschlang, gleichzeitig wurde mir vorgeworfen, ich würde nicht genügend Zeit für den Talmud aufwenden, ich würde zu deutsch. Mein Vater zog es beruflich vor, mit Deutschen zu arbeiten, da sie pünktlich und zuverlässig sind, mehr Vertrauen hatte er natürlich zu Juden.

Dieses Hin und Her löste ich für mich dadurch, daß ich mich verstärkt meinen Pubertätsproblemen hingab. Meine ersten Liebeserlebnisse oder der Tod von Jimi Hendrix, das waren die wichtigen Themen dieser Zeit. Automatisch rückte ich dadurch näher an meine Klassenkameraden heran, die schließlich meine Freunde; wurden. Natürlich fühlte ich weiterhin jüdisch. Äußere Anlässe wie die Attentate auf das jüdische Altersheim oder die israelische Olympiamannschaft führten zu eindeutigen projüdischen Bekenntnissen von mir. Andererseits begann ich pubertätsbedingte Zweifel an jeglicher Autorität, also auch an der Religion, zu bekommen. So kam es, daß ich einen Meditationskurs besuchte – schließlich ging man damals zusammen mit den Beatles auf den Yoga-Trip – und das heilige Wort „OM“ vor mich hin summte, gleichzeitig aber hoffte, daß mir der große jüdische Gott deswegen nicht zürne, beziehungsweise es mir verzeihen möge, daß ich nun Buddhist würde.

Unangenehme Erlebnisse verdrängte ich. Ich hatte am Gymnasium einen Musikreferendar zum Lehrer, der mich ganz offensichtlich bevorzugte. Nachdem die Klasse anfing, mich deswegen zu hänseln, stellte ich ihn zur Rede. Er bat mich, mit ihm ins Café zu gehen. Dort erzählte er mir mit hochrotem Kopf und Schweißperlen auf der Stirn, daß sein Vater ein Nazi war und Hunderte von Juden umgebracht hatte. Er wollte dies nun an mir wiedergutmachen. Schockiert schrie ich ihn an, er sei genauso wie sein Vater, da er mir auch eine „Sonderbehandlung“ zuteil werden lasse, und lief davon.

Ich untersagte mir jedoch, mich von solchen Erlebnissen irritieren zu lassen, ich wollte in Deutschland zu Hause sein, ach was, ich war es ja längst. Begünstigt worden war dieses Gefühl durch die sozial-liberale Ära, die einen Neuanfang versprach und mit der das Deutsche Reich endgültig untergegangen zu sein schien. Schließlich war Willy Brandt selbst im Exil gewesen.

Mein Interesse für Kunst bestimmte meinen Berufswunsch. Ich wollte Regisseur werden. Ich studierte Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie, vor allem aber Germanistik, um meine geliebte deutsche Literatur gründlich kennenzulernen.

Mein Leben bekam neue Schwerpunkte. Moses und Hitler wurden uninteressant. Wichtig wurden die Probleme Tassos, Woyzecks und all der anderen. Das jüdisch-deutsche Problem wurde abgehakt. Mit der Gemeinde wollte ich auch nichts mehr zu tun haben. Das ewige Geschwätz “…nächstes Jahr in Jerusalem“ ging mir zunehmend auf die Nerven. Man war zionistisch, aber ans Auswandern dachte kaum jemand. Man kreiste immer um sich, Drittes Reich und kein Ende, man hatte ideologische Probleme, in Deutschland zu leben, aber änderte auch daran nichts. Es war unerträglich. Ich begegnete an der Universität, vor allem aber am Theater, großen Persönlichkeiten, die es mir leicht machten, mein Anderssein zu vergessen. Meine jüdischen Freunde verlor ich aus den Augen, mein neues Getto hieß Theater, und da arbeitete ich viele Jahre.

 

Das Märchen von Assimilation

Der Tod meines Vaters und die Verpflichtung des Sohnes, ein Jahr täglich in die Synagoge zu gehen und das Totengebet Kaddisch zu sagen, störten meinen Assimilationsprozeß nicht. Im Gegenteil: ich empfand dieses Ritual als puren Anachronismus, das ich meinem Vater zuliebe erfüllte. Das war’s dann aber auch. Ich war nun deutsch bis in die Knochen und lächelte über Juden, die vom „jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühl“ sprachen. Mit 24 ließ ich mich einbürgern, da ich bis dahin „heimatloser Ausländer“ war, im gleichen Jahr verliebte ich mich in eine Nichtjüdin, die heute noch meine Lebensgefährtin ist, ein Unglück für meine Familie, ein Beweis meiner inneren Freiheit für mich.

So lebte ich glücklich vor mich hin und könnte das Märchen von der Assimilation jetzt beenden: „… und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute“– wenn es ein Märchen wäre. Tatsächlich ist es aber ein Traum, und der hat bekanntlich mit der Realität wenig zu tun. Es ist schon erstaunlich, wie sehr man sich selber manipulieren kann. Dauernd erlebte ich Vorfälle – nicht nur in München, sondern überall dort, wo mich meine Arbeit hinführte –, die mich hätten belehren sollen, daß ich ganz und gar nicht assimiliert bin. Ob man mir nahelegte, meinen zweiten Vornamen für das Programmheft wegzulassen („Weißt du, das könnte dir Schwierigkeiten bereiten“), ob man mir äußerst humorig sagte, ich als Jude müßte am Theater ja eine glänzende Karriere machen („Es gibt so viele berühmte jüdische Künstler“), ob man mir im Streit sagte: „Ihr Juden seid immer so schwierig“, ob ich Zeuge von Stammtischrunden wurde, wo bierselig heftig über das Judenpack hergezogen wurde, oder ob eine deutsche Frau, die beim Anbandeln erfuhr, daß ich Jude bin, ausrief: „Um Gottes willen, zwei französische Juden haben mich geschäftlich betrogen!“ und auf meine Frage, was das mit mir zu tun habe, erwiderte: „Du bist ja auch einer, also könnte es ja sein…“, gar nicht zu reden von den üblichen Aussprüchen: ich schau gar nicht aus, wie…, ich müßte eigentlich reich sein, weil.. ., etc., immer, und es gab viel, viel mehr solcher Geschichten, war ich der gute Jude, der das immer verstehen und rational durchschauen mußte, denn es war ja nie so gemeint, meine Güte, ein bißchen Spaß, nun sei doch nicht immer gleich so empfindlich.

Selbstverständlich gibt es viele Deutsche, die ganz wunderbare Freunde sind, das verhindert aber nicht die Wunden, die solche Erlebnisse bereiten und die mittlerweile so groß sind, daß ich sie nicht mehr übersehen kann.

Ich selbst bin aber ebenfalls schuld an dieser Situation. Wenn es nachts an meiner Tür klingelt, ich aus dem Tiefschlaf hochschrecke, „Gestapo“ schreie, meine Freundin mich wie ein kleines Kind in den Arm nehmen muß, um mich zu beruhigen, so erzählt mir das viel über meinen tatsächlichen Zustand. Ich merke, wie ich mich selber abgrenze, wie ich aus Verletzlichkeit in gewissen Situationen pauschalisierend „die Deutschen“ verurteile.

 

Israel

Wie groß mein Druck ist, wird mir klar, wenn ich in Israel aus dem Flugzeug steige. Eine große Last fällt von mir ab, ich brauche keine Angst zu haben, daß mein Nebenmann mich für einen miesen Juden hält. Und bei der Rückkehr: mißtrauisch guckende, zumeist unfreundliche Grenzbeamte, die einem den Paß wegnehmen, in den Computer werfen, um festzustellen, ob man einwandfrei ist. Die BRD als überdimensionales KZ, schießt es mir durch den Kopf. Willkommen daheim.

Was hat mich aufgeweckt, was hat mir die Sinnlosigkeit meines Versuches, ein Deutscher zu werden, klargemacht? Die seit einigen Jahren veränderte politische Situation in diesem, unserem Lande. Die stärker werdende Tendenz, in der öffentlichen Diskussion wieder antijüdische Äußerungen zu machen, nachdem man sich dies einige Zeit nicht getraut hat. „Die Gnade der späten Geburt“ als Startschuß für sanktioniertes kollektives Vergessen. Das dubiose, wiedererstarkte Nationalbewußtsein, das durch Verantwortungslosigkeit der eigenen Geschichte gegenüber erkauft worden ist.

Was ist das für ein Selbstbewußtsein, mit dem Helmut Kohl wie ein Elefant im Porzellanladen bei seinem Israel-Besuch durch die Gegend stapft – und mit ihm viele Deutsche, denen die ewigen Vorwürfe schon längst auf die Nerven gehen. Ich kann mich doch auch nicht meiner Historie entziehen, obwohl ich ebenfalls die Gnade der späten Geburt genieße. Natürlich ist meine Generation nicht schuld. Aber Verantwortung müssen wir tragen, die Kinder der Opfer und der Täter. Doch das ist im Moment nicht erwünscht. Und so zwingt mich dieser neue Nationalstolz, der sich durch meine bloße Anwesenheit als Jude provoziert fühlt, weil ich Erinnerungen wecke, so zwingt er mich dahin zurück, wo ich herkomme.

 

Fassbinder und die Folgen

Die Fassbinder-Kontroverse im Herbst ’85, zum Beispiel, machte mir deutlich, wo ich gezwungen bin zu stehen: als Theatermensch vertrat ich zunächst die Meinung, man dürfe grundsätzlich kein Stück zensieren, die Art aber, wie diese Kontroverse von den deutschen Beteiligten geführt wurde, widerte mich an. Soviel Kälte, soviel Mißachtung, vor allem so wenig Verständnis. Und was man hinterher alles nicht gesagt haben will – da war es klar, jenseits aller intellektuellen Überlegungen, daß ich mich auf die jüdische, auf meine Seite schlagen mußte. Der jahrtausendealte Spruch aus dem Talmud hat sich wieder einmal bewahrheitet: „Wenn du vergißt, daß du Jude bist, wird dich deine Umwelt daran erinnern.“

Und so suchte ich Schutz und Wärme und versuchte, sie in jüdischen Kreisen wiederzufinden.

Mit diesen Gefühlen ging ich zur Hochzeit. Alles schien perfekt. Außer einer Kleinigkeit. Ich war so naiv zu glauben, daß man das Rad der Zeit ohne weiteres zurückdrehen könnte. Welch ein Trugschluß, welche Dummheit. Ich war mittlerweile auch in diesen Kreisen ein Fremdkörper, einer, der nicht mehr wirklich dazugehört. Mit derselben Abneigung wie vor zehn Jahren betrachtete ich das Treiben, den geistigen Jahren und mußte erkennen, daß es kein Zurück mehr gibt. Ich kann nicht so tun, als ob es meine Entwicklung nicht gegeben hätte.

Und so muß ich endlich akzeptieren, was ich bin: ein Heimatloser mit deutschem Paß und jüdischer Herkunft. Einer, der beide Kulturen in sich trägt und versuchen muß, dieses Spannungsverhältnis produktiv zu nutzen. Einer, der zwischen den Stühlen sitzt und trotzdem versucht, da zu Hause zu sein, wo er es ist und dennoch nie sein wird: in Deutschland.

 


 

Ach ja … noch was: Sie sehen, damals im Alter von 30 Jahren, habe ich noch wirklich viel zu dem Thema geschrieben (auch dann mein Buch „Zwischenwelten. Ein jüdisches Leben im heutigen Deutschland“, Kindler 1994). Heute mag ich eigentlich nicht mehr über „Jüdisches Leben in Deutschland“ und all die damit zusammenhängenden Probleme schreiben.

Es ist ja immer dasselbe …

 

Richard C. Schneider, Tel Aviv

9 Gedanken zu „Biodeutsche, #MeTwo und mein erster Artikel

  1. Als Biodeutsche 😉 ,die sich vorwiegend in multikulturellen, akademischen Kreisen bewegt, habe ich bisher nur wenige Fälle von Rassismus miterlebt. Dafür haben mich die wenigen Fälle umso mehr verwirrt. So hatten etwa von viele Jahren mein Mann und ich zu unserer Hochzeit unter anderem unsere chinesischstämmige Freundin mit ihrem deutschen Mann und ihren beiden Kindern eingeladen. Gegen Ende der Feier hörte ich dann, wie mein c.a. sechs Jahre alter Neffe zu der Tochter unserer Freundin sagte: „Du bist aber keine Deutsche!“ Ich war erst mal so überrascht und entsetzt, dass mir dazu gar nichts einfiel. Später dachte ich mir dann, sie hätte ja sagen können „Doch ich bin Deutsche. Aber meine Mama kommt aus China und die hatten schon eine Hochkultur, als die Germanen noch auf den Bäumen saßen.“ Wie man sieht hat mich diese unüberlegte Äußerung eines Kindes so bewegt, dass ich gleich nach einer Lösung gesucht habe. Aber ich denke das Beispiel zeigt auch eines: Rassismus, bzw die Wahrnehmung, das manche Menschen etwas anders sind, als die eigene Gruppe ist etwas allzu Menschliches. Ich kenne die Familie meiner Schwägerin und meines Schwagers und glaube, dass sie nicht rassistisch sind. Kann jedoch natürlich nicht ausschließen, dass ihr Sohn die Einstellung wo anderes, etwa im Kindergarten aufgeschnappt hat. Vermutlich denken sich Kinder bei solchen Äußerungen aber einfach gar nicht viel und nehmen nur wahr, dass jemand anders ist, so wie sie auch sonst die Welt unvoreingenommen entdecken. Den Betroffenen schmerzt das natürlich trotzdem, weil er sein Anderssein möglicherweise immer wieder als Mangel empfunden hat.

    Vielleicht könnte man ja das Thema der multikulturellen Identitäten auch in der Schule behandeln, um einerseits die Biodeutschen für das Thema zu sensibilisieren und andererseits den Nicht-Biodeutschen Wege aufzeigen, wie sie in einer solchen Situation so reagieren, dass sie nicht den Kürzeren ziehen, etwa indem sie sich provozieren lassen und nur wütend oder beleidigt reagieren. Wenn man sich für solch eine Situation einen schlauen Spruch zurechtlegt, der nicht unbedingt so provozierend ist, wie der den ich oben genannt habe, aber die anderen sowohl zum Nachdenken als auch etwas zum Schmunzeln bringt, kann man vielleicht auch besser kontern.

    Letztlich werden wir alle, ob wir nun Biodeutsche sind oder nicht, immer wieder von anderen Menschen herausgefordert, ob nun gewollt oder unüberlegt. Die Frage ist dann aber auch immer, ob man sich von jedem Dahergelaufenen provozieren lassen will, den wir kaum kennen und dessen Probleme, die er an uns abzureagieren versucht, mit uns so gar nichts zu tun haben. Solche Situationen gibt es ja oft bei der Arbeit. So habe ich mal erlebt, dass ein Kollege sehr aggressiv bei mir angerufen hat, weil er ein Feature in der Software vermisste, die ich gerade fertiggestellt und freigeschaltet hatte. Ich wusste von ihm, dass er sich in unserem Team überfordert fühlte, weil er keine so gute Ausbildung, wie der Rest der Mannschaft hatte. Also sagte ich mir, bleib einfach ruhig. Reagiere normal und löse das Problem mit ihm. Seine Aggression hat wahrscheinlich mit Dir gar nichts zu tun. Ich hatte mit ihm ohnehin kaum etwas zu tun. Klar hätte ich ihn zur Rede stellen können. Aber hätte das etwas gebracht? Er verließ unser Gruppe bald darauf, aus eben dem Grund, dass er sich dort nicht wohl fühlte.

  2. Wegen der Heimatlosigkeit: Klar, vordergründig werden vielleicht Nicht-Biodeutsche diese intensiver empfinden. Aber ich glaube, dass dies ein allgemeines Phänomen der modernen Gesellschaft ist, in der die Familie und die engste Gemeinschaft, in der die Menschen früher lebten, wegfiel. So wie Yuval Noah Harari es in seinem Vortrag beschreibt:

  3. „Was siehst du aber den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken aber in deinem Auge bemerkst du nicht?“ oder letztlich sind wir alle kleine Rassisten, auch die, die mit den Fingern auf uns zeigen. Denn: Was ist es anderes als Rassismus, wenn die Eltern von Muslimen und Juden ihren Kindern verbieten einen Deutschen oder eine Deutsche zu heiraten? Machen wir mal ein kleinen Gedankenexperiment: Angenommen es wären ein paar Tausend Deutsche etwa in die Türkei oder nach Israel eingewandert und würden dort leben und arbeiten. Ihren Kindern würden sie aber strengstens verbieten einen Türken oder einen Israeli zu heiraten. Was wäre das denn dann? Und wie würden wohl die Völker in den jeweiligen Ländern darauf reagieren? Einmal ganz davon abgesehen, wie viele unglückliche junge Paare ein solches Verbot hervorbringt. Wir sind alle Menschen und machen die gleichen Fehler. Lasst uns die Mauern in unseren Köpfen abbauen. Am Besten fängt dabei jeder bei sich selbst an!

  4. Lieber Herr Schneider, Ihre Erfahrung im Kindergarten ( gleiche Religion wie Jesus, daher bitteschön auch die gleiche Anbetung ) kommt meinen sehr nahe, Sie beschreiben den Zustand schon vor 32 Jahren wunderbar lakonisch und elegant. Ansonsten ? Hm, es hat sich nichts geändert, Aussee, dass heute ein Pseudo-Tamtam drum gemacht wird. Ich glaube halt nicht, dass sich da noch wesentlich was ändert, selbst in grossen Städten wie Hamburg nicht. Ist halt so , es grüßt Sie und vielen Dank für Ihre stilistisch immer wunderbaren Artikel , Beate

  5. Auf jeden Fall klingt dieser erste jemals von Richard C. Schneider veröffentlichte Artikel so, als sei er ein sehr sympathischer und authentischer junger Mann gewesen, der sich mit grosser Offenheit mitgeteilt hat. Sehr schön. Solche Texte helfen weiter. Ohne Mysterium finden so „Begegnung“, Austausch, Dialog statt. Heute bzw. durch den Platz in der Öffentlichkeit sind diese Dinge komplizierter geworden. Das ist aus meiner Sicht sehr bedauerlich. C’est la vie.

  6. Sehr geehrter Herr Schneider! Ich bin seit vielen Jahren sehr interessiert an Ihrer journalistischen Arbeit und bin sehr beeindruckt von Ihrem Artikel. Ich lebe seit vielen Jahren im Libanon und bekomme natürlich die Meinungen und Interpretationen über Juden hautnah mit, die sich von deutschen Urteilen nicht unterscheiden. Als Konvertierte bekomme ich ähnliche Kommentare und Vorurteile bei meinen Deutschlandbesuchen deutlich zu spüren. Deshalb danke ich Ihnen für Ihre Reportagen und Artikel. Bitte weitermachen!

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