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Chaos, Resilienz und Claus Peymann

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Nach einer Woche quer durch Deutschland für mein Buch, habe ich viele Eindrücke mitgenommen: Ich traf, egal wo, auf zutiefst verunsicherte Menschen. Nein, nicht wegen der Lage in Nahost, sondern wegen der Situation in Deutschland. Politisch ratlos, ohne das gewohnte Koordinatensystem, das nicht mehr zu gelten scheint, wissen die Menschen – zumindest die, mit denen ich gesprochen habe – nicht mehr so recht, was sie tun sollen, was sie tun können. Das ist verständlich, natürlich. Die Welt gerät aus den Fugen und nun auch noch möglicherweise die deutsche Politik, da ist es nur nomal, irritiert zu sein.

Mangelnde Resilienz

Doch was mir auffiel, war so eine gewisse Gelähmtheit, um nicht zu sagen: Lethargie. Eine Art von Schockstarre. Nun habe ich die letzten 13 Jahre ausschließlich in Ländern gelebt, in denen das Chaos sozusagen „Programm“ ist. Die Menschen in Israel, Palästina, Italien, Griechenland sind es gewohnt mit dem ganz großen Durcheinander zu leben und sich irgendwie durchzuwursteln. In Deutschland kennt das so recht niemand. Das zeigt natürlich, wie stabil die Bundesrepublik bislang war, es zeigt aber auch eine Art mangelnde Resilienz gegen genau das, was nun einzutreten scheint – oder viele meinen, daß es gerade eintritt. Die Krise – ist sie nun da oder redet man sie herbei?

Und ich fragte mich jeden Tag ein bißchen mehr, wie diese Menschen, die nur wollen, daß „alles so bleibt wie es ist“, umgehen werden mit den Umwälzungen, die nun einfach kommen, ob es ihnen nun gefällt oder nicht: Die Veränderungen in der Parteienlandschaft, die Veränderungen in Europa, in der westlichen Welt, die digitale Revolution und vieles, vieles mehr. Was werden sie tun? Wie werden sie mit den vielen Fragezeichen, vor denen jeder Einzelne von uns steht, umgehen?

Ruhrpott 80er Jahre

Das Deutschland von heute ist längst nicht mehr das Deutschland, das ich 2005 verlassen habe als ich als Korrespondent in den Nahen Osten ging. Ich war auch sehr, sehr lange zum Beispiel nicht mehr im Ruhrpott. Dort habe ich mal gelebt, Anfang der 80er Jahre. Nun ja, nicht genau, ich lebte damals in Bonn, der Hauptstadt Westdeutschlands, aber ich war in den Jahren ununterbrochen im Ruhrpott unterwegs, um Theater zu sehen. Vor allem das Theater von Claus Peymann in Bochum.

Claus Peyman in Bochum

Ich staunte nicht schlecht, als ich letzten Donnerstag in Bochum war und dort tatsächlich Claus Peymann in einem Straßencafé sitzen sah. Es war wie so ein „Flashback“. Ich staunte nicht schlecht und war dann doch unsicher – das kann doch gar nicht sein, daß da der alte Peymann in Bochum sitzt, 2018. Doch ein Bekannter erkannte ihn auch. Er war es.

Hijab im Stadtbild

Wie anders ist die gesamte Region geworden. Damals, 1982 sah ich nur ältere Frauen mit Kopftüchern auf den Straßen von Essen oder Dortmund oder Gelsenkirchen oder Bochum, jetzt aber liefen viele junge Frauen mit Hijab durch die Straßen und sie gehörten mit großer Selbstverständlichkeit zum Stadtbild. Überall. Niemand störte sich daran, niemand griff sie an. Dasselbe Phänomen beobachte ich auch in Ramallah und selbst innerhalb Israels. Immer mehr junge Frauen tragen Hijab. Manchmal ein Zeichen des Glaubens, manchmal ein Zeichen der Emanzipation und des Stolzes, manchmal, auch das, ein gesellschaftlicher Zwang.

Die Bühne als Ort der Veränderung

Deutschland, Europa verändert sich. Schon sehr lange war ich in Deutschland nicht mehr im Theater. Ob es noch wirklich relevant ist? Meine Generation, die wir am Theater in den 70ern anfingen, hatte noch daran geglaubt, daß wir die Gesellschaft von der Bühne herab verändern können. Wir hatten die 68er Revolution und die Folgen im Theater als idealen Ort dafür aus- und weitergetragen. Waren gesellschaftskritisch, sozialkritisch, glaubten, wirklich etwas ändern zu können. Peter Stein und Claus Peymann, ihre Generation und die meine, glaubten daran – bis sie irgendwann satt und saturiert wurden. Und zum Establishment gehörten. Sie machten trotzdem noch spannendes Theater, aber es hatte nicht mehr die Bedeutung wie noch in den siebziger Jahren.

Claus Peymann ist nun in den 80ern, ein alter Mann, den es an eine seiner erfolgreichsten Wirkungstätten zurückgezogen hat. Zumindest für diesen Tag. Und ich hatte mich gefreut, ihn da zu sehen. Ein Relikt aus einer vergangenen Zeit als auch ich noch jung war und meinte, ich könne in Deutschland etwas bewirken. Von der Bühne herab. Lang ist’s her. Ein bißchen nostalgisch wurde ich schon als ich ihn da so sitzen sah.

Sendungsbewußtsein

Und nun lebe ich in im Nahen Osten, gehe nicht mehr ins Theater, mache seit 30 Jahren Filme und schreibe. Und damit ist mir so ein bißchen was von meiner jugendlichen Überzeugung geblieben, daß man mit dem, was man tut, doch ein wenig Einfluß auf Menschen hat, etwas bewegen kann. Ohne diese Grundüberzeugung geht gar nichts. Sie ist der Motor für alles, was man in diesem Bereich tut. Früher nannten wir das hochtrabend „Sendungsbewußtsein“, heute ein wenig bescheidener: „Einen Beitrag leisten“ – im Grunde aber ist es dasselbe.

Der Irrsinn hier

Und dann saß ich wieder in der Maschine nach Tel Aviv. Und freute mich auf den Irrsinn hier. Hier, wo das Chaos zum Alltag gehört, wo nie irgendwas irgendwie irgendwann sicher ist oder sicher sein wird. Ganz anders als in Deutschland, wo dieser Zustand nun nach vielen Jahrzehnten allmählich auch eintritt. Doch ich muß noch genauer sein: wenn ich das so schreibe, dann meine ich damit in erster Linie Westdeutschland. Ostdeutschland macht seit über zwei Jahrzehnten tiefe Wandlungen durch. Das „Chaos“ existiert dort schon länger als in den Köpfen der Menschen in Westdeutschland.

Mal sehen, wie das mit dem Chaos sich so weiterentwickelt. Nicht nur in Deutschland. Überall. Wir werden es erleben.

 

 

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