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Corbyn ante portas

Der Dienstag wird ein wichtiger Tag – nicht nur für die EU und die Briten, sondern auch für Juden in ganz Europa. Denn sollte Theresa May die Abstimmung für ihren Brexit-Plan verlieren – und danach schaut es im Augenblick aus – dann könnte das die Stunde der Opposition sein. Es könnte dann schon bald zu Neuwahlen in GB kommen und danach könnte der neue britische Premier Jeremy Corbyn heißen.

Applaus für das Ende Israels

Das aber wäre für Juden in England und in Europa eine echte Zäsur. Denn Corbyn, dessen Labour-Partei unter ihm zunehmend antisemitisch wurde – ich habe darüber geschrieben – dieser Corbyn, der Hamas und Hizbollah „Freunde“ nennt, der erst kürzlich bei einer Veranstaltung, bei der das Ende Israels gefordert wurde, applaudierte, dieser Corbyn vertritt mit seiner anti-zionistischen Haltung den Antisemitismus der extremen Linken, die zum Teil auch in der BDS-Bewegung wiederzufinden ist. Dabei geht es diesen Teilen der „Bewegung“ nicht um ein Ende der Besatzung und einer Zwei-Staaten-Lösung, sondern um das Ende des jüdischen Staates.

„Erweckung“ für die extreme Linke?

Für die europäische extreme Linke könnte ein Premier Corbyn eine Art „Erweckung“ bedeuten. Der sowieso schon überall grassierende Antisemitismus linksextremer Prägung, der nicht einmal mehr vor Universitäts-Campus halt macht, ist in GB schon lange ein Problem, aber auch in anderen europäischen Staaten zu finden.

Das Ende der Tories

Rund 40% der etwa 350 000 britischen Juden gaben an, über eine Auswanderung nachzudenken, falls Corbyn Premier werde. Ob dann tatsächlich so viele (ca. 140 000) gehen werden, darf angezweifelt werden. Doch allein die Tatsache, daß eine große Zahl an Juden im britischen Königreich Angst hat, ist besorgniserregend. Sollte das Ende der Tories kommen – für Juden wäre das in der derzeitigen Konstellation problematisch. Mal ganz abgesehen davon, was ein „Nein“ am Dienstag für ganz Europa bedeuten würde.

5 Gedanken zu „Corbyn ante portas

  1. Statt auszuwandern gäbe es da noch eine andere Lösung, die jedoch eine große geistige Flexibilität und einen gewissen Abstand zur eigenen Identität erfordert. Klar, als Deutsche habe ich bisher auch immer geglaubt man müsse sich in erster Linie selbst treu bleiben. Doch angesichts der über zweitausend Jahre immer wieder aufkommenden Verfolgungen der Juden als Minderheit, zunächst bei den Persern (Buch Ester), später unter den griechischen Herrschern in Alexandria (Manetho aus Alexandria) und Verleumdungen bei den Römern (Tacitus, Juvenal), dann der Verfolgungen durch das Christentum und teils auch durch die Muslime, kommen mir immer mehr Zweifel, ob es gut ist sich immer treu zu bleiben. Haben doch unsere Vorfahren ihre Religion sowieso nie selbst gewählt, sondern wurde sie ihnen doch von ihren Herrschern meist mit Gewalt aufgezwungen, um deren Macht zu legitimieren. Das gilt ausnahmslos für alle großen Religionen. Nur dadurch, dass wir die Inhalte der jeweiligen Religion quasi mit der Muttermilch aufgesogen haben identifizieren wir uns so stark mit ihr. Hätten wir die freie Wahl gehabt, hätten wir uns möglicherweise anders entschieden.
    Wenn nun die Juden immer wieder wegen ihrer Religion verfolgt werden (Ich hatte gehofft, dass diese Zeiten ein für alle mal vorbei sind, doch der derzeitige Rechtsruck der modernen Gesellschaften belehrt mich leider eines Besseren), wäre es da nicht eine Überlegung wert, die Religion, die eben unsere Vorfahren ja gar nicht freiwillig gewählt haben, „einfach“ zu wechseln und sich der jeweiligen Mehrheit anzuschließen? Sind die Leute die das tun Verräter? Schließlich steht es jedem offen, diesen Schritt zu tun, wenn er einen Schlussstrich unter diese ewigen Verfolgungen ziehen möchte. Vielleicht ein schwerer Schritt. Aber vor allem für diejenigen die Kinder haben und in Europa die möglicherweise wieder unruhiger werdenden Zeiten gut durchstehen wollen, ein Schritt, der ihnen und ihren Kindern eine gute Zukunft sichern könnte.

    1. @Ute
      Man soll also seine eigene Identität verleugnen, damit man keinen Angriffen ausgesetzt ist ? Diejenigen, denen das jüdisch sein egal ist, haben sowieso schon immer in allen neueren Zeiten konversionen vollzogen. Da jeder Mensch frei ist, ist das auch ok. Es gibt aber viele, denen das nicht egal ist. Zudem hat das den konvertierten Juden in Deutschland 1933-1945 auch nichts genutzt. Sie wurden trotzdem deportiert.

      Die Welt wird für die Juden in UK nicht untergehen mit Corbyn (wobei ich nicht glaube, dass es Neuwahlen geben wird und es auch nicht sicher ist, dass im Falle des Falles Corbyn MP würde), denn nicht alle Labour Abgeordnete sind so offen gegen Israel und jüdisches Leben wie Corbyn, aber schön ist es nicht. Und es kann Geister wecken, die jetzt sich noch im halbverborgenen Aufhalten.

      Speziell England war stets ein liberales Land. Es wäre traurig, wenn sich dies nun ändern würde. Wenn ich als Jude meine Identität ändern müsste, um überhaupt noch dort leben zu können, würde ich lieber auch auswandern (so schwer das auch ist, denn man verlässt ja sein Heimatland).

  2. Hm. Jude zu sein ist also ein Makel, den man also beim nächsten Pfarramt korrigieren kann, um es der Mehrheit recht zu machen. Geht’s noch? Müssten dann die Christen und Muslime in Israel alle Juden werden, um sich dort der Mehrheit zu fügen? Und die Christen in Ägypten sollten Muslime werden? Oder sollten die Vollpfosten dieser Welt sich vielleicht einmal ein bisschen in „geistiger Flexibilität“ üben?

  3. Es mag Gründe geben, Jeremy Corbyn als Antisemit zu bezeichnen. Sicher ist er ein Anti-Zionist. Er ist aber kein Linksextremist, der die Diktatur des Proletariats anstrebt! In der aktuellen Brexit-Diskussion hat er sich ganz klar gegen einen harten Brexit positioniert und für das Verbleiben der Briten mindestens in einer Zollunion ausgesprochen. Auch wird der Begriff „Antisemitismus“ in einem deutschen Blog natürlich mit dem größten Menschheitsverbrechen, der Shoa, assoziiert. So beschämend das Eingeständnis für einen die Deutschen auch sein mag: die Shoa wäre in Großbritannien aus den verschiedensten Gründen unvorstellbar gewesen. Aus diesem Grunde ist es nicht fair, Jeremy Corbyn sprachlich auch nur in Ansetzen dem Verdacht auszusetzen, unter ihm als Prime Minister wäre eine Situation denkbar, in der britische Juden existentielle Ängste habe müssten.

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