DER SPIEGEL

Der Unbekannte von nebenan

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Meine Damen und Herren, hier spricht: der Unbekannte von Nebenan. Sie wissen nicht, wer das ist? Na: ich, der Jude mit den Schläfenlocken, Bart und Kaftan, der, der nicht zur deutschen Gesellschaft gehört, weil er ja der Unbekannte von „nebenan“ ist, nicht der von „mittendrin“. Sie wissen nicht, was ich meine? Dann schauen Sie sich doch bitte – falls Sie‘s noch nicht getan haben – den Titel von SPIEGEL GESCHICHTE an über Juden in Deutschland.

Klischee

Ich habe in den vergangenen Tagen bereits auf Twitter meine Meinung zu diesem wirklich schrecklichen Titel mit Klischeefoto und unerträglichen Untertext geäußert. Ich schreibe aber heute doch noch einmal darüber, denn es läßt mich nicht los – auch wenn‘s mich nicht wirklich überrascht hat.

Lahme Entschuldigung

Es ist der völlige Dammbruch, den sich ein renommiertes deutsches Magazin da leistet. Es gibt auch andere deutsche Medien, die sich immer wieder Antisemitisches leisten. Aber die zunehmende Häufigkeit, läßt mich „Unbekannten von nebenan“ daran zweifeln, daß dies alles nur Zufall ist. Die Entschuldigung des SPIEGELS, die aufgrund des massiven Protests erfolgte, war lahm, um nicht zu sagen: läppisch. Und kann uns Juden nicht überzeugen.

Kontaminiertes Territorium

Was auch immer. Es ist der Ausdruck dessen, was sich schon seit längerem in Deutschland so zusammenbraut – und in ganz Europa. Und wir, die Nachkommen der Shoah-Überlebenden, begreifen: Europa war kontaminiertes Territorium für Juden und scheint es wieder zu werden. Wir ziehen unsere Konsequenzen daraus.

Es grüßt Sie,

der Unbekannte von nebenan

 

7 Gedanken zu „Der Unbekannte von nebenan

  1. Bei allem Respekt – die Aufregung um dieses „Spiegel“-Cover ist unsinnig und wirkt künstlich. Es ist eine Tatsache, dass es Juden gab und GIBT, die genau so oder so ähnlich aussehen wie die Männer auf dem besagten Bild – und daran ist ja auch nichts Schlimmes. Von Antisemitismus kann daher überhaupt keine Rede sein. Bitte nicht aus jeder Mücke einen Elefanten machen, sondern REALEN Antisemitismus (+ Rassismus, etc.), der leider in großem Ausmaß existiert, bekämpfen.

    1. DIe Menge der vom Spiegel bereits produzierten “ Mücken“ steigert sich von Tag zu Tag. Man soll und darf nicht mehr Alles kleinreden und bagatellisieren. Ich habe den Spiegel früher gerne gelesen, inzwischen ist er für mich der Inbegriff des manipulativ schleichenden und intelligent verdeckten Antisemitismus.

  2. Nun ja ich kann nicht für Deutschland sprechen aber sehr wohl über die Situation in Wien und hier gibt es genau so Juden wie auch Araber die einfach eher losgelöst von der Welt um sie herum leben. Und ja es sind in beiden Fällen die eher strenger gläubigen. Angefangen vom Kindergarten über die Schule bis zm täglichen Leben. Finden Sie das nicht problematisch nach all den Jahren?

  3. Vielleicht passt ja der Artikel von Sascha Lobo „Anatomie eines deutschen Shitstorms“ nicht schlecht zum Thema: https://www.spiegel.de/netzwelt/web/soziale-netzwerke-anatomie-eines-deutschen-shitstorms-a-1280856.html
    Ich wiess, Sie sind im Moment auf den Spiegel nicht gut zu sprechen, aber mir scheint, dass inzwischen selbst Leute, die man eigentlich für relativ vernünftig hielt, immer mehr dazu neigen, einer Art von „TwitterDenke“ zu zelebrieren. Will heißen, alles, was auf der Welt geschieht wird emotional völlig überbewertet, noch lange bevor man sich überhaupt richtig darüber informiert hat, was eigentlich genau passiert ist. Hauptsache man fällt täglich mindestens zehn mal von einer emotionalen Katastrophe in die nächste. Für rationales und vernünftiges Denken und Handeln ist da einfach kein Platz mehr. Arme Menschheit, was soll da noch aus Dir werden?

  4. @ Kaba: Was Sie sagen, stimmt zwar, aber nein, ich finde das nicht „problematisch“ – warum sollte ich? Menschen haben grundsätzlich das Recht, ihr Leben so zu führen, wie sie möchte, so lange sie keiner anderen Person schaden.

  5. Gerade habe ich ein Interview mit Raphael Gross bei Deutschlandfunk Kultur gehört, bei dem es auch um das Titelbild des Spiegel ging: https://www.deutschlandfunkkultur.de/praesident-des-dhm-raphael-gross-ein-haus-zum-nachdenken.970.de.html?dram:article_id=456386
    Dabei kamen mir folgende Gedanken in den Sinn: Das Titelbild mit dem Klischeefoto wird wohl kaum die Meinung eines nicht antisemitisch eingestellten Menschen beeinflussen. Anders dagegen mag dies bei genau den Mitbürgern sein, deren Vorurteile das Titelbild bedient. Sie greifen vielleicht zu der Spiegelausgabe und lesen dann einen Text, der eben gerade diese, ihre Vorurteile in Frage stellt. Das könnte dann tatsächlich zu einem Dammbruch führen, der dann im Kopf des voreingenommenen Lesers passiert. Ganz schlimm? Oder vielleicht doch eine geniale Idee, wie man auch Leser erreichen kann, die solche Artikel, die ihr Weltbild korrigieren könnten, sonst nie lesen würden? Meines Erachtens ist es in diesen unruhigen Zeiten gut, wenn man erst etwas länger über die Ereignisse und deren Konsequenzen nachdenkt, statt sofort reflexartig empört zu sein. Sonst machen Twitter & Co aus uns nur noch kleine, kreischende Äffchen. Dabei ist das aber nicht gerade der Aspekt unseres Wesens, der die Fähigkeiten unserer Spezies ausmacht.

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