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Die selbsternannten Retter Israels

Worüber ich mich in letzter Zeit immer häufiger wundere, ist ein Phänomen, das es ja schon lange gibt, insbesondere in Europa. Ich meine nicht die Kritik an der Politik der israelischen Regierung. Das ist normal, legitim und völlig in Ordnung. Kritik an der Politik anderer Staaten ist normal und bezieht sich ja nicht nur auf Israel.

Die selbsternannten Retter Israels

Was aber – soweit ich das sehe – in Sachen Israel wirklich einzigartig ist, ist die Haltung vieler, zu glauben, daß man „besser“ weiß, was gut für Israelis und den jüdischen Staat ist, als die Menschen selbst, die zwischen Metullah und Eilat leben. Dieses „Wir müssen die Juden vor sich selbst retten“, kenne ich von vielen Linksintellektuellen oder auch religiösen oder politischen Aktivisten. Sie meinen es „gut“, sie wollen helfen, fühlen sich – insbesondere in Deutschland – dafür verantwortlich, daß den Juden nichts Böses mehr geschieht. Das aber würde unweigerlich passieren – so glauben sie –  wenn sie sich nicht persönlich für das Wohl der Juden in Israel einsetzen. Und daher wissen sie halt in Hamburg oder Berlin, in Paris oder Bordeaux, in London oder Cambridge, in Amsterdam oder Stockholm einfach besser als die Israelis, was gut ist für sie.

Besserwissen

Aber die Israelis sind so verdammt „verstockt“ und wollen einfach nicht auf sie hören. Und darum ist man dann auch wütend. Und plötzlich kommen so Gefühle hoch gegen… Huch, aber das kann ja gar nicht sein, wir sind doch keine Rechten.

Häufig ist europäische Politik, aber vielleicht noch mehr: amerikanische Politik, ebenfalls so angelegt. Bitte mißverstehen Sie mich nicht: Ich meine damit weder eine Politik, die die Rechte der Palästinenser verteidigt oder die schlicht eigene Interessenpolitik ist – das steht jedem Staat zu. Ich meine dieses „Besserwissen“ und Israel zu seinem Glück zwingen zu wollen.

Moralisierend, Rechthabend

Am deutlichsten konnte man das in den USA bei Barack Obama und John Kerry erleben, die dieses „wir müssen Israel vor sich selbst retten“ sich geradezu programmatisch auf die Stirn geschrieben hatten. Und noch einmal: ich meine damit nicht konkrete Kritik an Netanyahu und seiner Politik. Da haben die USA mit ihren ganz eigenen Interessen natürlich das Recht und die Möglichkeit zu versuchen, die Dinge in Jerusalem so zu bewegen, wie das im Interesse Amerikas ist. Das versuchen alle mit allen weltweit, klar. Und übrigens: das haben frühere US-Präsidenten auch schon versucht.

Aber es ist dieses Moralisierende, dieses Rechthaberische, diese Arroganz gegenüber dem israelischen Wahlvolk, das einfach nicht versteht, daß die Lösung, die die internationale Staatengemeinschaft als die einzig Richtige ansieht, daß dieses sture israelische Wahlvolk das einfach nicht einsehen will. Und eben nicht entsprechend wählt, wie das alle andere wollen.

Konsequenzen ertragen

Nein, ich werde nicht zum Anwalt einer rechten israelischen Politik, wahrlich nicht. Aber ich denke, daß die Israelis dasselbe Recht haben wie alle anderen Völker: Selbst zu bestimmen, wie sie leben wollen. Und wenn sie falsch entscheiden, wenn sie Unglück über sich und andere bringen – nun, dann müssen sie das auch ausbaden und die Konsequenzen ertragen. Wie alle. So ist das nun mal.

Aber ihnen den Willen von außen aufzwingen zu wollen – das bedeutet gleichzeitig, den Juden bis heute ihre Mündigkeit abzusprechen. Und da stellt sich doch die Frage, was sich solche „Intellektuelle“ und „gutmeinenden Freunde“ Israels eigentlich einbilden? Oder ertragen sie es einfach nicht, daß Juden „zurück sind in der Geschichte“? Und damit zu Akteuren werden, zu Handelnden, die auch brutal und aggressiv, ungerecht und reaktionär sein können? Und warum wird das nicht ertragen? Vielleicht auch deshalb, weil man den Juden lieber als Opfer sieht? Das macht es „einfacher“, sie zu „mögen“. Kann es vielleicht auch daran liegen?

4 Gedanken zu „Die selbsternannten Retter Israels

  1. Vielleicht liegt die Reaktion der anderen Staaten auf das Verhalten Israels aber auch daran, dass die Juden sich immer noch gerne selbst als Opfer darstellen. Dabei berichtet ja das Alte Testament bereits von einigen Massakern, die das Volk Israel im Namen Gottes begangen haben soll: Wie etwa das an den Kanaanitern bei der Eroberung des „gelobten Landes“. Sowie an den benachbarten Völkern. In den Zeiten, als die Israeliten Macht hatten, gingen sie laut ihren eigenen Berichten keineswegs zimperlich mit ihren Gegnern oder auch mit Andersgläubigen um. Dadurch, dass sie diese Taten mit Gottes Wille legitimierten, lieferten sie damit auch die Entschuldigungen von weiteren Gräueltaten im Namen Gottes für ihre Nachfolgereligionen, die Christen und Muslime.
    Allerdings war die Vorstellung eines Eingreifens der Götter in die Kriege der Menschen in der Antike weit verbreitet. Aber die biblischen Berichte relativieren doch massiv den moralischen Anspruch, mit dem die Juden sich immer wieder allzu gerne schmücken. Vielleicht wurden die Juden ja in der Zeit ihrer Diaspora nur durch ihr Fehlen an Macht davon verschont, als gewalttätiges Volk in der Geschichte zu agieren. Nun, wo auch sie wieder zu Macht gelang sind, wird klar, dass auch sie sich vor ihren eigenen Rechtsextremen in Acht nehmen müssen, wie alle anderen Völker auf der Welt.

  2. Bei einem längeren Arbeitsaufenthalt in einem Kibbuz vor langer Zeit sagte mir ein Kibbuznik, dass jeder Israeli ein Nutnik (Besserwisser) sei. Deshalb sei jedes Argumentieren zwecklos. Vielleicht sollte das den Regierungen und Menschen in den „wohlmeinenden“ Ländern bekannt gemacht werden. Im Übrigen kann ich mich ihren Ausführungen vorbehaltlos anschließen.

  3. Hier ein Interview mit Amos Oz zum 70 jährigen Jubiläum von Israel im SRF Kultur: https://www.youtube.com/watch?v=4Bzhb3WLF84. Er äußert sich darin über die Fallstricke des Fanatismus und seine Vision eines weltoffenen, pluralistischen Israels, das gute nachbarschaftliche Beziehungen mit einem Staat Palästina und den anderen umgebenden Staaten pflegt.
    Interessant fand ich auch den Zwischenbeitrag mit Annemarie Jacir (c.a. ab min 39), in dem sie beschreibt, welchen Schikanen die Palästinenser in Israel ausgesetzt sind. Dass sie ihren Wohnort nicht frei wählen können, ihnen genau vorgeschrieben wird, wen sie heiraten dürfen und wen nicht und dass in ihren Wohngebieten ständig israelische Militärjeeps herumfahren, um sie zu überwachen. Und sie sich zumindest in der Jugendzeit von Jacir nicht versammeln durften und die Gäste nach einem Fest daher nicht alle gemeinsam nach Hause gehen durften, sondern nur in kleinen Grüppchen von zwei oder drei Personen.
    Amos Oz spricht in dem Beitrag auch über sein Buch „Judas“, das ich selbst vor einiger Zeit gelesen habe. Beim Lesen fiel mir allerdings auf, dass Eric Emmanuel Schmitt in „Das Evangelium des Piltus“ schon einmal ähnliche Überlegungen zur Rolle des Judas angestellt hat.

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