Israelische Wahlen 2019Rosh Hashana 5780

Krieg! Ein Königreich für einen Krieg!

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Es gibt tatsächlich zunehmend Menschen in Israel, die das wirklich meinen: „Krieg! Ein Königreich für einen Krieg!“ Nein, sie sind keine Kriegshetzer, sie sind nicht irrsinnig geworden und sie sind auch keine waffenverliebte Narren, die richtigen Krieg mit Videospielen verwechseln.

Ein großes Wir-Gefühl

Aber: haben Sie Israel schon mal erlebt, wenn Krieg herrscht? Die Solidarität unter den Menschen ist einzigartig. Jeder hilft jedem, jeder kümmert sich um jeden. Taxifahren nehmen Straßenpassanten umsonst mit, damit sie ins sichere Zuhause kommen, wo sie im Bunkerzimmer ausharren können. Je schlimmer der Krieg, desto besser die Stimmung, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Israelis. Plötzlich gibt es kein „die da“ und „wir da“, kein „die Linken“ und „die Rechten“, kein „die Frommen“ und „die Unreligiösen“, kein „die Ashkenasim“ und „die Misrachim“. Nein, es ist ein einziges großes WIR-Gefühl, eine einzige große Familie, die aufeinander aufpasst, ohne Wenn und Aber. Der Feind draußen macht in Israel alle Unstimmigkeiten im Nu zunichte. Jede Rakete, die auf das Land kracht, macht Israel stärker, jeder getötete Soldat ist „unser Sohn“.

Sie spucken Gift

Also: „Krieg! Ein Königreich für einen Krieg!“ – das ist eine zynisch-verzweifelte Reaktion auf das, was Populisten (allen voran BIBI) in Israel, aber auch in den USA, in Deutschland, in Österreich, in Ungarn, in Polen, in GB und in….. , you name it, tun: Sie spalten, säen Hass, vertiefen die Gräben in der Gesellschaft, schaffen Feindbilder, reißen wunden auf, verteufeln, spucken Gift. Je mehr, je schlimmer, desto besser für sie. Weil die Naiven, die auf sie hören, genau das hören wollen in ihrem eingeschränkten Weltbild, in dieser uralten Banalität immer nur von Schwarz und Weiss zu reden, ja keine Grautöne zulassen, ja nicht das eigene Gehirn einschalten und mal nachprüfen, ob’s denn wirklich genau so ist, wie die Populisten das so behaupten.

Blindheit

Die Nibelungentreue, die immerhin noch ein großer Teil der israelischen Gesellschaft (der allerdings zum Glück weniger wird) mit Netanyahu verbindet, ist tödlich. Sie zerstört den Staat von innen, die Gesellschaft, die Demokratie. Viele argumentieren immer noch in Rechts-Links-Schemata, doch darum geht es doch schon lange nicht mehr. Die Blindheit mit der viele auf den Klimawandel starren und wider besseres Wissen meinen, das sei alles nicht so schlimm, ist ähnlich wie die, wenn es um die Bewahrung der Demokratie geht.

Ein Krieg! Ein Königreich für einen Krieg!

Aber da denjenigen, die ernsthaft besorgt sind, nichts mehr einfällt, wie man ewigen Bibi verhindern kann, der wahrscheinlich schon heute sein Mandat zurückgibt an Präsident Rivlin, weil er keine Koalition zustande bringt (und natürlich sofort Blau-Weiss als Übeltäter dafür brandmarken wird, denn wir befinden uns ja schon wieder im Wahlkampf), also diejenigen, die besorgt sind, die meinen – so wie ich – daß Bibi noch ziemlich lange auf der politischen Bühne Israels herumturnen wird, die werden halt in ihrer Verzweiflung immer zynischer: Gebt uns ’nen Krieg, dann sind wir wenigstens wieder solidarisch. Klar, Bibi würde dann eine Notstandsregierung anführen, klar, Blau-Weiss (mit drei ehemaligen Generalstabschefs) wird in Reih und Glied fallen und sich hinter Bibi stellen (müssen), aber wenigstens sind da alle wieder lieb zueinander.

Naja… wenn das die Lösung sein sollte…

Entgegen meiner Natur, war ich ja nach den Wahlen ein winzigkleinesbisschen optimistischer als sonst – was bei mir nicht schwer ist, da ich ja fast nie optimistisch bin (und damit meistens Recht habe). Im Augenblick hat sich dieser Wurmansatz von Hoffnung schon wieder gelegt. Netanyahu ist noch lange nicht weg, die Demokratie in Israel bleibt bedroht. Immerhin entstehen in diesen Tagen auch nette Witze, so wie ich es gestern in meinem Stammcafé gehört habe. Zwei Israelis unterhalten sich, sagt der eine:

„Ich verstehe gar nicht wieso Bibi nicht ins Gefängnis will“.

Der Andere: „Hä? Spinnst du? Was meinst Du?

Der Erste: „Nun, im Gefängnis könnt er wahre Freiheit genießen!“

Der Andere: „???“

Der Erste: „Er wäre im Gefängnis allein, ohne Sarah. Endlich. Für ihn könnte das Gefängnis doch das Paradies sein!“

In diesem Sinne gehe ich jetzt in die Rosch Haschana Feiertage. Und weiß, daß beim Abendessen heute die Gespräche sich fast ausschließlich um Politik drehen werden… was denn sonst.

Ein Gedanke zu „Krieg! Ein Königreich für einen Krieg!

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