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Fetisch Holocaust

In den 90er Jahren schrieb ich ein Buch mit dem Titel: „Fetisch Holocaust – die Judenvernichtung, verdrängt und vermarktet“ (eine Übersicht über meine Bücher finden Sie hier: https://richard-c-schneider.com/buchautor-schriftsteller/ ).

Ich schreib damals über die Art und Weise, wie sich die Nachkriegsgesellschaften in Israel, den USA und natürlich in Deutschland des Holocaust bemächtigten, um damit ein Geschäft zu machen – bei gleichzeitiger Verdrängung dessen, was damals geschah.

 

Zum „Jubiläum“ zwei Veranstaltungen

Ich war ziemlich entsetzt und wütend damals über den Zynismus, mit dem sich viele dieses Themas bemächtigten. Aber ich konnte nicht ahnen, was 23 Jahre später los sein sollte. Heute Abend beginnen in Israel die Feierlichkeiten zum Gedenken an den Holocaust. Es sind 75 Jahre, ein „Jubiläum“ also. Von Putin über Pence über Macron, Prinz Charles – alles fliegt in Israel ein. Es ist die größte internationale Veranstaltung, die Israel je mit Politikern aus der ganzen Welt ausgerichtet hat.

Aber wozu? Am 27. Januar findet ja die „eigentliche“ Veranstaltung im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz statt. Hätte das nicht gereicht? Wie schon früher auch schon? In Israel ist der Jom Hashoah sowieso an einem anderen Datum als der internationale Holocaust-Gedenktag (International: 27.Januar, Tag der Befreiung von Auschwitz. In Israel: kurz vor dem Unabhängigkeitstag im Mai).

 

Umschreibung der Geschichte

Aber nein, es mußte diesmal sein. Denn es geht um nicht weniger als die Umschreibung der Geschichte. Die Polen haben damit ja schon vor ein paar Jahren angefangen (als eine neue offizielle Geschichtsschreibung den Polen einen Persilschein in Sachen Beteiligung am Holocaust austellte). Und Israels Premier, der Premier des j ü d i s c h e n Staates unterstützte bis zu einem gewissen Grad die Polen, weil er den Staat für seine „Realpolitik“ gegenüber der EU braucht.

 

„Realpolitik“

Und nun braucht er Putin. Und Putin ihn. Denn Putin schreibt Geschichte auch grade um, derzufolge der Zweite Weltkrieg wegen der Polen begonnen habe. Und die Rolle der UdSSR und der Roten Armee an der Zerschlagung Polens soll auch ein bißchen neu gesehen werden… Und Bibi wird das mitmachen. Denn er braucht Putin – a) um die israelische Frau, die wegen minimalen Drogenbesitzes in Russland in Haft sitzt freizubekommen, b) noch wichtiger: um den Kampf gegen Iran, Hizbollah etc. in Syrien weiter fortführen zu können. Die Russen lassen die israelische Air Force da frei schalten und walten mit einigen minimalen Auflagen. Auch das nennt sich natürlich „Realpolitik“.

Ach ja, der polnische Präsident A. Duda kommt nicht nach Israel. Er wollte unbedingt sprechen, aber das wurde ihm nicht erlaubt. Wütend hat er daraufhin seine Teilnahme abgesagt…

 

Holocaust und der DJ

Wie pervertiert das alles ist, kann man auch daran erkennen, daß Jerusalems Bürgermeister die mitreisenden Journalisten zu einem großen Umtrunk eingeladen hat. Soweit so gut, scheint es. Aber bestellt war auch ein DJ, um ein bißchen hotte Musik aufzulegen. Erst als das in den israelischen Medien bekannt wurde, hat der Bürgermeister den DJ schnell wieder abgestellt. Daß das an einem Holocaust-Gedenktag vielleicht ein wenig unpassend wäre – auf diese Idee kam der – Verzeihung – Volld… offensichtlich leider nicht von selbst.

Da stehen wir nun. Gedenkkultur 2020: In Deutschland erleben wir die immerselben Reden mit den immerselben verbalen Versatzstücken, die jeder kennt und die in der deutschen Realität nichts bedeuten und einfach verhallen und verpuffen. In Israel macht ein zynischer Premier „Realpolitik“, und im Rest der Welt schiebt man den Holocaust hin und her, so wie man’s grad braucht. Und all das 75 Jahre danach…

 

Meine Mutter und Primo Levi

Und was würden meine vergasten Familienangehörigen sagen? Meine Großeltern, meine Onkeln und Tanten? Was würde mein vor über 40 Jahren verstorbener Vater sagen, der das KZ mit Müh und Not überlebt hatte? Wahrscheinlich dasselbe, was meine Mutter, die ein Ghetto und vier KZ überlebt hat, und die zum Glück immer noch lebt, dieser Tage zu mir gesagt hat: „Bist du wirklich überrascht? So ist doch die Welt. Das war immer so.“

Ich mußte sofort an Primo Levi denken, der sich, wie viele andere, einfach umgebracht hatte, weil er weder mit der Scham, überlebt zu haben, zurecht kam, noch mit der Verständnislosigkeit all jener, die nicht dasselbe erlebt hatten wie er. Eines weiß ich ganz genau: Die Überlebenden, die ich kenne, interessieren sich nicht im geringsten für all diese Veranstaltungen. Sie haben nichts damit zu tun mit dem Fetisch Holocaust.

 

Richard C. Schneider, Tel Aviv

 

 

 

5 Gedanken zu „Fetisch Holocaust

    1. Sehr geehrte Damen und Herren
      Ich finde es sehr wichtig, diesen Gedenktag zu haben. Vor allem weil es hierzulande so viele Ignoranten gibt auch Politiker und auch diese Talkshow Journalisten, die bestimmten
      Leuten auch noch eine Plattform geben , und vor allem weil irgend ein Feiertag nur für Urlaube genutzt werden.
      Aber vor allem den Verstorbenen zu gedenken.
      Gut das kann man jeden Tag, aber ein offizieller Tag und eine Erinnerung an die unschuldig ermordeten Menschen aufrecht zu erhalten ist unsere Pflicht!
      Wichtig wäre zudem, antisemitische Äußerungen und Taten mit Gefängnis und hohen Geldstrafen und Führerschein Entzug zu begegnen. Nicht nur Worte, durchgeführt muss es werden.

  1. Vielleicht tröstet es sie ja, dass die Christen mit ihren „Heretikern“ auch nicht gerade zimperlich umgegangen sind. Wie etwa die Franzosen mit den Hugenotten: https://www.arte.tv/de/videos/069846-001-A/flucht-im-namen-gottes-die-hugenotten-1-2/
    Wobei es für die verfolgten Hugenotten und die vielen Opfer von damals keinerlei Gedenkveranstaltungen in Frankreich gibt. Auch nicht für die vielen afrikanischen Sklaven, die die Franzosen, Engländer und Spanier verschleppt haben und die sich auf ihren Plantagen in der neuen Welt zu Tode arbeiten mussten. Auch die Japaner haben sich nie für die Gräueltaten entschuldigt oder gar Entschädigungen gezahlt für das, was sie im zweiten Weltkrieg den Chinesen angetan haben. Die Liste ähnlicher Fälle ist lang. Nennen Sie mir eine oder zwei Nationen, die sich für die Untaten, die sie in der Vergangenheit begangen haben bei ihren Opfern entschuldigt haben oder gar versucht haben eine Wiedergutmachung zu leisten. Außer Deutschland fällt mir da nicht viel ein. Natürlich kann man damit die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Aber immerhin könnte man die Anstrengungen, die unser Land in diesem Bereich leistet würdigen. Und ganz nebenbei. Wann wird sich Israel bei den Palästinensern für das entschuldigen, was es ihnen angetan hat und den Schaden wieder gut machen? Oder ist es eben doch immer einfacher mit dem moralischen Finger auf die anderen zu zeigen? Da sieht man über das unrecht, das das eigene Volk begeht allzu gerne hinweg und versucht mit Notsituationen zu begründen. Doch dann ist die Moral nicht legitim, sondern entspringt einer Art Doublething, wie in Orwells 1984. https://de.wikipedia.org/wiki/Doppeldenk

  2. Liebe Ute,
    mit Verlaub, aber ich empfinde Ihren Kommentar ziemlich verletzend. Mal abgesehen davon, dass es doch überhaupt gar nicht „tröstlich“ sein kann, welche Verbrechen auch immer „Christen“ an „Häretikern“ begangen haben oder, allgemeiner gesagt, was Menschen anderen Menschen angetan haben – das schier unermessliche Verbrechen, was (mein) deutsches „Volk“ da begangen hat ist mit nichts vergleichbar, es ist so grauenhaft, das wir alle angesichts dessen alles unternehmen sollten, um die Erinnerung daran wach zu halten und mitzuhelfen, das solches nie wieder passieren kann. Jede Art von Gleichsetzung des Holocaust mit, siehe oben, was auch immer sonst passiert ist für mich jedenfalls unerträglich. Wir haben nichts „aufzurechnen“ – wir haben die Pflicht, dafür zu kämpfen, dass es nie vergessen wird. U.a. als Fanal dafür, dass Menschlichkeit darin besteht, menschlich zu sein. Und nicht etwa darin, z.B. rechnen, schreiben oder lesen zu können.
    Wir müssen aufstehen für Menschlichkeit.

  3. Liebe Ute, Michis Antwort auf Ihren Kommentar kann ich nur voll zustimmen. Bereits in den 80er Jahren gab es den durch den Versuch der Relativierung der Naziverbrechen angezettelten sog. Historikerstreit. Ihr Kommentar hat mich daran erinnert. Keine durch Menschen begangenen Verbrechen gegen die Menschenrechte lassen sich durch den Hinweis auf die Verbrechen dieser Art anderer Menschen in der Geschichte relativieren. Wir sollten immer und grundsätzlich vor unserer eigenen Haustür kehren.

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