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Liebermann. Max, nicht Avigdor

Sie haben sich vielleicht gefragt, ob ich schon wieder technische Probleme habe, weil ich nicht regelmäßig blogge. Nein, technisch ist alles ok. Aber ich bin zur Zeit tatsächlich sprachlos.

Am meisten bewegt mich derzeit das Verschwinden des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi, den ich vor einigen Wochen beim German Marshall Fund in Brüssel kennengelernt habe. Es war eine kleine, intime Runde und er und eine Expertin aus dem Pentagon gaben uns ein Hintergrundsbriefing zu den Entwicklungen in Saudi-Arabien. Wir tauschten unsere Visitenkarten aus, auf seiner stand keine Adresse, womit mir klar war, daß er „auf der Flucht“ lebt, ein wenig wie Salman Rushdie, den ich während seiner schlimmsten Jahre zweimal traf. Khashoggi und ich wollten uns wieder kontaktieren, um über die neuen Beziehungen zwischen Riad und Jerusalem zu reden, als Kollegen. Es kam leider nicht mehr zu dem Telefonat.

Nun ist er „verschwunden“ und wahrscheinlich sogar tot. Es ist immer schrecklich, wenn ein Kollege „verschwindet“, die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, das in immer mehr Ländern mehr und mehr mit Füßen getreten wird. Selbst Deutschland steht auf dem Index der Pressefreiheit nicht mehr ganz so weit oben wie früher, was deprimierend genug ist – aber für uns Journalisten zum großen Glück nicht gefährlich ist, klar.

Daß nun Khashoggi Opfer von MBS geworden ist, ist mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ der Fall. Daß dies wiederum nur möglich wurde, weil Donald Trump MBS carte blanche gegeben hat und er auch jetzt nur – auf Druck von Capitol Hill – zögerlich reagiert, ist offensichtlich.

Es ist unerträglich. Ebenso unerträglich ist das, was tagtäglich in Syrien geschieht. Und keiner geht in Europa dafür auf die Straße. Diejenigen, die sonst immer so empört sind bei den Vorgängen an der israelisch-gazanischen Grenze, sind merkwürdig still, wenn es um das große Massenschlachten wenige Hundert Kilometer weiter nördlich von Gaza geht.

Es ist unerträglich zu sehen, wie die britische Labour-Partei unter Jeremy Corbyn nicht nur zu einer Israel-hassenden, sondern obendrein auch noch antisemitischen Partei mutiert, es ist unerträglich zu sehen, wie Judenhass einfach wieder salonfähig geworden ist – überall in Europa. Auch in Deutschland. Es ist unerträglich, wenn man nun dazu Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen organisiert mit dem Titel: „Der neue Antisemitismus“ – und ich weiß nicht, was daran neu sein soll. Er ist nicht neu, sondern alt. Solche Titel suggerieren, daß es ihn erst „wieder“ gibt, seitdem die muslimischen Flüchtlinge 2015 gekommen sind. So ein Schwachsinn!

Es ist unerträglich zu sehen, wie Politiker der „Mitte“ sich gegenseitig zerfleischen und den Extremen links, aber vor allem rechts damit helfen, aufzusteigen. Es ist unerträglich wie rechte Parteien sich den Anstrich geben, „pro-jüdisch“ zu sein, um nicht als Nazis verschrien zu werden, aber dennoch schamlos gegen Muslime – und dann eben doch auch gegen Juden – hetzen.

Es ist unerträglich zu sehen, wie liberale Demokratien, auch in Israel, zerstört werden, wie „1968 rückabgewickelt wird“, wie eine Kollegin dies in diesen Tagen mir gegenüber formulierte.

Die wenigsten Intellektuellen und Künstler engagieren sich politisch. Es gibt sie, natürlich, zum Glück. Aber meines Erachtens sind es viel zu wenige. Sibylle Berg, die Autorin, ist unermüdlich unterwegs. Wir kennen uns seit Jahren und ich bewundere sie für ihren Aktionismus. Alle müßten endlich aufwachen und die Demokratie retten.

Ich weiß, ich mag für viele Leser derzeit sehr „monothematisch“ sein. Aber was ist wichtiger als Freiheit, Menschenrechte, Liberalismus?

Ich wünschte, Jamal Khashoggi würde einfach wieder auftauchen. Irgendwo. Ebenso wie viele andere Journalisten, die „verschwunden“ sind oder einfach Menschen, die „weg“ sind, weil irgendein Regime sie festhält, foltert, tötet, was auch immer.

Jamal wird nicht mehr auftauchen. Wie Tausende und Abertausende auch nicht mehr. An manchen Tagen ist das unerträglich. In diesen Tagen ist es für mich mehr als unerträglich, daß die Welt so aus den Fugen geraten ist. Und natürlich frage auch ich mich ständig: was kann ich tun, um den Liberalismus nicht gänzlich untergehen zu lassen?

Wie sagte Max Liebermann einst: „Ich kann gar nicht soviel fressen, wie ich kotzen möchte!“

8 Gedanken zu „Liebermann. Max, nicht Avigdor

  1. Betr.: Artikel “ Liebermann. Max . nicht Avigdor . “
    – Zu “ Die wenigsten Intellektuellen…“ , “ S. Berg ist unermüdlich…“, “ …ihr Aktionismus „.
    Ich bin Cellist, Kammermusiker und hätte gerne meinen politischen Beitrag als Komponist , mein CV und Werkverzeichnis im Internet, mittels meiner Kompositionen die gegen dem Antisemitismus als Widmungen der Shoah und deren Opfern musikalische Mahnmale sind, wie u.A. die Sonate “ Shoah „, Duo “ Via dolorosa ebraica „, Sinfonie “ El suenjo de la Razón…“ / “ Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer “ nach Fr. Goya Capr. 43 . Mit diesen werken wäre auch ich “ …unermüdlich unterwegs “ sein und sehr gerne aktiv sein , es sei den, meine höchst historisch – politischen Werke würden von Konzertveranstaltern, Verlagen etc. wargenommen . So wird mir kein Aktionismus gegeben, obwohl ich zu den immer wenigeren Shoah überlebenden Zeitzeugen gehöre .

  2. Wunderbar, was *Don Jaffé* hier teilt. Persönliche Authentizität – ungeachtet der Wirkungsbreite (was verstehen wir schon davon, wie unser Sein in anderen und über Raum und Zeit hinweg weiterwirkt?) finde ich wertvoller als lärmenden Aktionismus, wobei letztlich jeder den Ausdruck wählt, der den eigenen Gaben, der eigenen Persönlichkeit und den eigenen Möglichkeiten entspricht.

    Es macht mich traurig, wenn Menschen an sich selbst zweifeln, weil sie nicht so sehr auffallen wie andere oder weil sie glauben, auffallen zu müssen, um etwas bewirken und bewegen zu können. Umgekehrt kann es mich auch wütend machen, wenn Menschen kein Ohr für die leisen Töne, keinen Blick für das scheinbar Unscheinbare haben und die Welt nur wahrnehmen nach Verkaufszahlen, Likes, Follower-Power, kurz: Rampenlicht und Erfolg, der sich konkret beziffern lässt.

    Ich möchte gerne auf eine Ansprache von Jordan B. Peterson zu „Free Speech/Raif Badawi“ hinweisen, in der er auf den Punkt bringt, worum es bei unserer Freiheit („Freedom of Speech“ – und überhaupt) im Kern geht. Er hält die Rede auf Englisch, denkt schnell und komplex. Besonders wertvoll ist die zweite Hälfte des Videos, ab ca. 15’30. Von diesem Teil habe ich ein Transkript angefertigt. (Bei Interesse gebe ich den Text gerne weiter: meinVorname.erdmannATyahoo.fr)

    https://www.youtube.com/watch?v=3Sz2-6RNkjY

  3. Schlechte Nachrichten gab es immer und wird es auch immer geben. Mal mehr mal weniger. Zur Zeit leider mehr. Doch wenn man sich all die Negativschlagzeilen, die so bei Twitter und sonst in den Medien rumschwirren reinzieht, vergiftet man auf Dauer seine Seele und wird irgendwann ähnlich, wie die, die man eigentlich bekämpft: Voll negativer Sicht auf die Welt und voll Hass. Wollen wir uns von denen wirklich vorschreiben lassen, wie wir die Welt sehen sollen?! Es gibt doch sicher auch viel Positives zu berichten. Aber das ist vielleicht nicht so sensationell… Schade eigentlich. Oder um es mit Anthony de Mello zu sagen (Aus : Eine Minute Unsinn):
    „Wie erklärt der Meister die Existenz des Bösen in der Welt?“ fragte ein Besucher.
    Ein Schüler erwiderte: “ Er erklärt es nicht. Er ist zu beschäftigt, um sich damit aufzuhalten.“
    Und ein anderer sagte: „Die Menschen liegen ständig im Kampf mit der Welt und langweilen sich mit ihr. Der Meister ist entzückt von dem was er an Staunenswertem, Erhabenem und Unfassbarem sieht.“

  4. Dass sich mehr Menschen und besonders Künstler*innen politisch engagieren müssen, ist ein Gemeinplatz und hat wohl in fast jeder Phase der Geschichte der BRD und anderen westlichen Ländern gegolten. Es ist dieser Tage, da stimme ich Ihnen voll zu, vielleicht wichtiger denn je. Dennoch sehe ich wie neben der fantastischen Sibylle Berg auch weitere im weitesten Sinne Künstler*innen das Wort ergreifen. Der Zuspruch aus der Pop-Kultur z.B. zu #wirsindmehr und #unteilbar ist in meiner Wahrnehmung der breiteste in den letzten 10 Jahren in Deutschland. Rassismus ist keine Meinung und Antisemitismus darf nirgends geduldet werden. Dafür gehen nun endlich wieder mehr Menschen auf die Straße. Ich hoffe, dass mein leichter Optimismus nicht in Wahrheit Naivität ist.

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