#MeTwo DebatteAntisemitismusDeutschlandJüdisches Leben

Mein Beitrag zur #MeTwo Debatte in Deutschland

Gestern hatte ich folgendes getweeted:

»Um einen vernünftigen Beitrag zu #MeTwo zu schreiben, reicht Twitter einfach nicht, Bin schon als Kind verprügelt worden von zwei Deutschen Erwachsenen, weil ich Jude bin. Nun bin ich Anfang Sechzig… Bräuchte ein 5Bd. Kompendium, um alles zu erzählen, was ich erlebt habe.«

An den Text hatte ich noch ein tränenlachendes Emoji drangehängt. Das D in »Deutschen« habe ich mit Absicht groß geschrieben, übrigens…

Nun, ich wurde daraufhin von einigen gebeten, doch tatsächlich mehr zu dem Thema zu schreiben, einige meinten sogar, sie würden ein 5 Bd. Kompendium von mir lesen.

 

Ein »antisemitischer Schwank aus meinem Leben«

Doch so sehr ich immer wieder mal antisemitische Erlebnisse in meinen Blogs oder Zeitungsartikeln beschreibe, die mir widerfahren sind, so sehr merke ich, wie in mir sich tatsächlich etwas sträubt, das hier nun auch zu tun, also einen »antisemitischen Schwank aus meinen Leben« zur #MeTwo-Debatte beizutragen. Ich will Ihnen erklären, warum, ich habe heute Nacht lange darüber nachgedacht.

Zum einen befürchte und bemerke ich, wie es nun auch Reaktionen von „Biodeutschen“ oder ethnischen Deutschen gibt, die sagen: „Aber wir sind gar keine Rassisten…!“ – als ob es darum ginge! Niemand sagt, daß alle Deutschen Rassisten sind. Aber es gibt viele deutsche Rassisten und Antisemiten, so ist es nun mal. Und jeder, der zu einer Minderheit in Deutschland gehört, kann ein Lied davon singen.

 

»Au weia, das ist ja wirklich schlimm!«

Ich kann auch eine zweite Reaktion nicht ab, die ich immer wieder zu hören bekomme, wenn ich einen antisemitischen Vorfall Freunden, Bekannten, wem auch immer, erzähle. Die Reaktion lautet:»Komisch, wir haben noch nie sowas erlebt, das kann doch gar nicht sein!« Kunststück, liebe bioethnischen Mit-Deutschen, ihr seid ja auch keine Juden, keine Muslime, keine Schwarzen, keine was auch immer. Vielleicht seid ihr Teil der LGBT-Gemeinde, dann wißt ihr natürlich auch, was es heißt, in Deutschland zu einer Minderheit zu gehören.

Im besten Fall aber wird die Reaktion auf solche Geschichten sein:»Au weia, das ist ja wirklich schlimm. Entsetzlich. Daß es sowas immer noch gibt in Deutschland …« und ähnliches mehr.

Ganz ehrlich? Auch diese Reaktion löst in mir ein gewisses Unbehagen aus, um nicht zu sagen: es nervt mich. Denn wie »blind« sind diejenigen, die so etwas sagen? In welcher Welt leben sie denn? Antisemitismus hat in Deutschland nie aufgehört zu existieren, und wer meint, es gäbe diese nur bei der AfD und nicht auch bei allen anderen etablierten Parteien, wer glaubt, es gäbe ihn nicht in der allerengsten Umgebung eines jeden einzelnen Menschen, der lebt in einer völligen Verleugnung der Tatsachen.

 

Aufklärung? Bewußtsein? Veränderung?

Was sollen also »Geschichten aus meine persönlichen Erfahrung mit Antisemitismus« bringen? Aufklärung? Bewußtsein? Veränderung? Ich muß gestehen, daß ich nicht daran glaube.

Um wirklich zu erzählen, wie brutal der Lebensalltag in Deutschland für Minderheiten sein kann, braucht man ein anderes Feld als Twitter. Ich lebe seit 15 Jahren nicht mehr in Deutschland und schreibe – aus der Distanz – derzeit an meinem neuen Buch über den Antisemitismus in Europa, über meine Überzeugung, daß Juden in Europa keine Zukunft mehr haben – widersprechen Sie mir hier nicht, lesen Sie mein Buch, das 2020 erscheinen wird, da werde ich das nicht so verkürzt darstellen.

Habe ich in der Vergangenheit und in der Gegenwart Antisemitismus in Europa, vor allem in meinem Heimat(?)-Land Deutschland erlebt? Ja, natürlich. Im privaten, ja sogar im intimen Bereich, im Alltag, natürlich auch bei der Arbeit; in der Arbeit, zum Teil mit Kollegen, die ich jahrzehntelang kannte. Sogar oder auch gerade unter sogenannten »Intellektuellen«. Es war entweder offener Antisemitismus oder versteckter, er war da und signalisierte mir ein Leben lang: Du gehörst nicht zu uns. Jahrzehntelang, als ich noch jung war, habe ich dagegen angekämpft, habe geglaubt, man könne etwas verändern. Ich mußte im Laufe eines Lebens erfahren, daß dem nicht so ist, im Gegenteil, daß es sogar wieder schlimmer wird.

 

Ich brauche keinerlei Anerkennung für das, was ist

Lange Zeit wollte ich unbedingt als »Deutscher« akzeptiert werden. Inzwischen habe ich begriffen, daß ich gegen Windmühlen kämpfte. Und irgendwann habe ich aufgehört, meine Energie darauf zu verschwenden. Ich habe einen deutschen Pass, worüber ich sehr froh bin, aber ob die Biodeutschen mich als »echten« oder »falschen« Deutschen sehen oder auch nur für immer als »Jude«, ist mir inzwischen herzlich egal. Ich brauche die Biodeutschen nicht mehr, um zu wissen, wer ich bin, was ich bin. Ich brauche keinerlei Anerkennung für das, was ist – denn ich kann es ja nicht ändern: Ich bin nun einmal Jude – und noch vieles mehr. Das ist übrigens eine der wirklich angenehmen Dinge in Israel, wo ich ja wieder lebe, daß ich mit niemandem über mein Judesein reden muß. Es ist kein Thema, wozu auch? Man muß über vieles andere in Israel diskutieren und streiten und protestieren – aber nicht darüber. Das ist ein Stück Befreiung einer europäisch-jüdischen Existenz, die immer auf der Hut ist vor »Überraschungen«. Es gibt Tausend andere Probleme in Israel, aber dieses eine eben nicht.

Habe ich unter Antisemitismus in Deutschland gelitten? Ja, habe ich. Aber das ist sehr lange her. Wenn mir heute in Deutschland Antisemitismus begegnet, wie vor kurzem bei einer meiner Lesungen für mein neues Buch über Israel, dann reagiere ich mit Ironie oder Sarkasmus, je nachdem wie ich gerade drauf bin und das war’s. Es interessiert mich für mein persönliches Leben nicht mehr.

 

Saul Bellow – In a Nutshell

Aus all diesen Gründen werde ich jetzt eben keine nette Geschichte aus meiner »Erfahrung mit deutschem Antisemitismus« erzählen. Was nicht heißt, daß ich in einem anderen Zusammenhang das nicht möglicherweise tun werde – wenn es für mich stimmt und ich damit etwas verdeutlichen kann. Ansonsten: Ich glaube auch nicht, daß ich – wie einige mich ermutigten – ein 5 Bd. Kompendium zu dem Thema Antisemitismus in meinem Leben schreiben werde. Ich habe noch so viel anderes, wichtigeres zu tun.

In einem Roman von Saul Bellow sagt eine Figur einmal, als sie ein Stipendium in Deutschland bekommt, ganz trocken: Nach Deutschland? Da gehe ich nicht hin. Da bin ich ja 24 Stunden am Tag Jude. Dafür habe ich keine Zeit!

Das ist – in a nutshell – die Quintessenz eines jüdischen Lebens in Deutschland.

 

Richard C. Schneider, Tel Aviv

2 Gedanken zu „Mein Beitrag zur #MeTwo Debatte in Deutschland

  1. Ein Grund, warum es Juden in einem christlichen Umfeld immer schwer haben liegt sicher auch darin, dass das Christentum per se paradoxerweise antisemitisch ist. Dabei müsste es doch gerade als Nachfolgereligion des Judentums ihren Vorläufer in Ehren halten, etwa so wie Kinder ihre Eltern ehren. Denn das Christentum ist ja ohne die hebräische Bibel gar nicht denkbar. Leider wissen oft selbst sehr engagierte Christen nicht einmal wo ihre Wurzel liegen. So schrieb etwa der katholische Gelehrte Hans Küng in einem seiner Bücher, er habe lange nicht gewusst, dass das Christentum aus dem Judentum hervor gegangen ist. (Da kann man als evangelische Laiin nur den Kopf schütteln). Nun stellt sich natürlich die Frage, wie es zu den antisemitischen Textpassagen in den Evangelien kommen konnte. Immerhin sind es offiziell von den Landeskirchen anerkannte Texte. Die Gelehrten gehen davon aus, dass es in der christlichen Urkirche mit der Zeit eine immer größere Kluft zwischen den Mitgliedern gab, die den (vermutlich gar nicht so( neuen Glauben auf die Juden beschränken und denen, die ihn in die Welt hinaustragen wollten. Als ich vor einiger Zeit nach den Wurzeln des Christentums suchte entdeckte ich jedoch auch eine andere, vielleicht etwas skurrile Theorie, die mir aber bei genauerem Betrachten gar nicht mehr so abwegig schien: Joseph Atwill, eigentlich ein Informatiker, hatte bei einer parallelen Lektüre von den Evangelien und dem Krieg der Juden von Flavius Josephus merkwürdige Parallelen entdeckt. Daraufhin stellte er die Theorie auf, die Flavier bzw der von ihnen als Dolmetscher engagierte Flavius Josephus hätten die Figur des Jesus erfunden, um die rebellischen Juden davon zu überzeugen, dass Flavius Titus, der Jerusalem erobert hatte, der Messias sein sollte. Tacitus und ein oder zwei andere Historiker der damaligen Zeit berichten, dass die Juden zu diesem historischen Zeitpunkt einen Messias erwartet hätten, dass dieser aber (paradoxerweise) Titus gewesen sein soll. Laut Atwills Theorie sollte Jesus der Vorläufer von Titus gewesen sein, der das baldige Kommen von Titus ankündigte. Deshalb die Parallelen zwischen der Route von Jesus nach Jerusalem und der von Titus. Wenn man die Vorhersagen von Jesus über sein zweites Kommen (wie die Christen es interpretierten) liest bekommt man den Eindruck er würde an der Spitze der römischen Armee nach Jerusalem einziehen. Klingt alles etwas abstrus, ich weiß, aber die Parallelen in den Texten sind schon etwas merkwürdig. Zu den Theorien von Atwill gibt es auch einen Film (und ein Buch). Den Link zum Film findet Ihr hier:

  2. Lieber Herr Schneider, Ihre Analyse ist leider richtig. Ihre Schlussfolgerung kann ich nur respektieren, teilen kann ich Ihren Pessimismus aber nicht. Ihre Erfahrungen sind schlimm. Und ja, der Antisemitismus, die Fremdenfeindlichkeit, der Hass sind schlimmer geworden. Aber deswegen die „Flinte ins Korn“ werfen? Nein, nie wieder! Und verzeihen sie mir, wenn ich Ihnen auch in Ihrer These widerspreche, dass „Juden in Europa keine Zukunft haben“. Wenn Juden keine Zukunft in Europa haben würden, dann wäre Europa am Ende. Somit hätten auch Muslime keine Zukunft hier und alle Flüchtlinge kämen „vom Regen in die Traufe“. Dann hätten Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Hass gesiegt. Nein, nie wieder!

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