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Nochmal Gaza

Zum Glück ist es heute ruhig. Aber die nächste Runde kommt spätestens am Freitag/Samstag, wenn dann der „Grosse Marsch der Rückkehr“ seinen ersten Jahrestag hat. Für die Hamas ist dieses Unternehmen bislang ein Flop. Es hat keinerlei politische Erfolge gebracht. Nur viele Tote und Verwundete, was allerdings für die PR der Hamas gut ist, Israels Armee wird ununterbrochen für das Vorgehen an der Grenze verurteilt, es sei viel zu brutal. Und dann kommt aus Brüssel und sonstwo der Aufruf zur „Verhältnismäßigkeit“ der Mittel.

Gaza, Gelbwesten, G20

Diese Aufrufe finde ich stets irritierend. Denn, ganz ehrlich: wer, wirklich wer hat eine echte Ahnung, wie man an der Grenze zu Gaza agieren muß, wenn Tausende von Demonstranten durchaus aggressiv und militant agieren? Natürlich nicht alle, aber doch viele? Wenn die Gefahr droht, daß der Zaun eingerissen wird und Zehntausende Palästinenser nach Israel hineinrennen könnten? Wer weiß wirklich, wie man mit so einer Situation umgehen muß? Die Politiker in Brüssel, in Berlin, Paris, London? Wenn ich an die Gewalt denke, die in Frankreich gegen die Gelbwesten angewandt wird, wenn ich an den deutschen Polizeieinsatz beim G20 in Hamburg denke (und es gäbe noch viele andere Beispiele), dann denke ich mir: Fasst euch an die eigene Nase!

Wahrscheinlich können nicht mal Militärs aus der Ferne wirklich sagen, was zu tun ist. Allerdings, das darf man nicht schönreden: Die Frage, ob die israelische Armee richtig vorgeht, muß gestellt werden, in erster Linie von der israelischen Gesellschaft. Man muß fragen, ob es nicht auch andere Mittel gibt, wie man vorgehen könnte. Aber warum wird das stets bei Israel aus großer, sicherer Entfernung getan? Ich habe Berlin nicht gehört, als man die Gelbwesten brutal attackierte, ich habe nichts aus Brüssel und anderen Hauptstädten gehört, wenn irgendwo sonst in Europa etwas geschieht, was fragwürdig ist. Im Zweifelsfall kommt ein „We are highly concerned…“

Ja, ich polemisiere ein bißchen. Aber – Hand auf’s Herz – so ganz unrecht habe ich nicht, oder?

Man braucht sich gegenseitig

Die grundsätzliche Frage ist doch, wie man die Situation mit Gaza, wenn schon nicht lösen, aber doch zumindest verbessern könnte? Die Hamas ist längst ein Player, mit dem Israelis und auch Ägypter ziemlich „selbstverständlich“ umgehen. Man braucht sich gegenseitig und den Israelis ist es wichtig, in Gaza kein absolutes Chaos zu haben, sondern die Hamas an der Macht zu wissen (abgesehen davon, daß das auch für den „Friedensprozess“ (hä?) von Vorteil ist, weil man in Jerusalem ja stets sagen kann, daß Präsident Abbas nicht für alle Palästinenser spricht, also kein Partner für Frieden sein kann).

Geldüberweisungen reduziert

Aber die israelische Politik ist inkonsistent. Man läßt Gelder der Kataris nach Gaza, aber ermöglicht den Menschen dort nicht, zumindest menschenwürdig zu leben, wenigstens das. Aber alle, die dafür Israel allein verantwortlich machen, sind kurzsichtig. Denn das eigentliche Problem ist dabei die PA und Präsident Abbas, der die Geldüberweisungen nach Gaza immer weiter reduziert und natürlich nicht will, daß Israel mit der Hamas wirklich redet, weil ihn das wenn nicht delegitimieren, so doch in seinem Anspruch auf Alleinherrschaft schwächen würde.

Schwarz-Weiss

Und so haben eigentlich alle etwas von der Situation so wie sie ist: Die Hamas, weil sie sich als „Widerstandsaktivisten“ darstellen kann, die Israelis, weil die Palästinenser gespalten sind, die PA, weil sie keinen Frieden machen muß, der ihnen auch nicht zupass käme, denn dann könnte die eigene Bevölkerung sie noch mehr in die Verantwortung nehmen als jetzt schon. Übrigens: Die Hamas hat nun auch das Problem, daß die Palästinenser im Gaza-Streifen inzwischen angstfrei gegen sie demonstrieren, ich habe dazu vor ein paar Tagen etwas auf ZEIT ONLINE geschrieben: https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-03/gazastreifen-israel-palaestina-hamas-proteste

Mit dem Finger immer nur auf eine Seite zu zeigen (je nachdem, wo die eigenen Sympathien liegen), heißt, das Problem nicht wirklich sehen zu wollen: Alle sind schuld und alle ziehen ihren Vorteil aus der aktuellen Lage. Und ich habe noch nicht über den Iran, die Türkei und viele andere Player geredet. Für alle, die so gern in schwarz-weiss denken oder die Schuld immer nur auf einer Seite suchen: Glauben Sie mir, es ist alles soviel komplexer als man sich das manchmal vorstellen mag. Leider.

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