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Rückversicherung

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Immer mehr britische Juden, die noch selbst oder deren Eltern vor den Nazis nach Großbritannien geflohen sind, möchten inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft zurück. Nach Artikel 116 Grundgesetz haben sie ein Anrecht darauf.

Es gibt zwei Gründe für diesen ungewöhnlichen Schritt:

a) der Antisemitismus der Labour-Partei unter Jeremy Corbyn, der der nächste britische Premier werden könnte (etwa 40% der britischen Juden sagen, daß sie dann eine Auswanderung in Erwägung ziehen würden. Es gibt im Königreich rund 350 000 Juden)

b) der Brexit. Viele Juden möchten „Europäer“ bleiben, möchten nicht vom Kontinent abgeschnitten werden.

Nicht mehr zu Europa gehören

Nun ist es nicht so, daß jene Juden deutschen Ursprungs mit großem Jubel Deutsche werden möchten. Für manche ist das mit zwiespältigen Gefühlen verbunden, aber die Vorstellung unter einem eventuellen antisemitischen Premier leben zu müssen oder eben nicht mehr zu Europa zu gehören, ist noch schlimmer.

Die SZ brachte neulich eine Reportage über einen britischen Juden deutschen Ursprungs, der Deutschland und die Geschichtsaufarbeitung vor Ort ganz großartig fand. Die Reportage zeichnete ein besonders günstiges Bild Deutschlands, doch wir wissen, daß es so gut nicht um Deutschland steht, wenn wir uns die aktuelle Entwicklung in Sachen Antisemitismus anschauen.

Adieu Europa

Nichtsdestotrotz gibt es diese Tendenz in GB – wir reden im Augenblick von einigen Hundert Juden deutscher Herkunft – und das wirklich Schreckliche daran ist, daß die Briten offensichtlich wirklich und endgültig Europa Adieu sagen werden, was ich persönlich nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern aus historischen und kulturellen Gründen für eine Katastrophe halte. Selbst wenn der Brexit noch „sanft“ ausfallen würde – daß die Engländer nicht mehr zur EU gehören, ist unerträglich und ich finde es gelinde gesagt eigenartig, daß die EU nicht intensiver versucht hat, die Briten von dem Schritt abzuhalten.

Juden müssen wieder wandern

Und daß Juden eventuell wg. des Antisemitismus wieder wandern müssen? Nun, das ist in diesem Europa des 21. Jahrhunderts nicht mehr so ganz ungewöhnlich. Und der eigentliche Skandal. Selbst wenn diese hier erwähnten britischen Juden in Deutschland landen würden. Sind sie dann „für immer“ sicher? Wer garantiert, daß in diesem sich disintegrierenden Europa die Lage stabil bleibt? Niemand. Nicht Merkel. Nicht AKK, kein Merz, keine Nahles, niemand mehr.

Ein Privileg?

„Ihr Juden habt es gut“, sagte mir neulich ein deutscher, nichtjüdischer Bekannter, „Ihr habt immer einen Ort wohin ihr gehen könnt. Was ist mit mir? Ich kann im Zweifelsfall nirgends hin!“. Der Bekannte hält es für ein Privileg, „fliehen“ zu können. Das ist der falsche Ansatz. Die Frage muß heißen: warum muß überhaupt jemand gehen? Egal, ob Jude oder nicht. Aber vielleicht sind wir in einigen europäischen Staaten schon jenseits dieser Frage, in diesem Europa 2019.

 

3 Gedanken zu „Rückversicherung

  1. Sehr geehrter Herr Schneider,
    kann man es auch anders sehen? Ich (Jahrgang 1957, wie Sie) komme gerade aus Israel zurück, wo ich mit meiner Frau und unseren in Berlin lebenden Söhnen unsere Tochter in Tel Aviv besucht habe, die sich dort zu einem Studiensemester. Auch „verschlinge“ ich gerade Ihr Buch „Alltag im Ausnahmezustand“. Es ist ja richtig, dass der Brexit aus verschiedenen Gründen eine Katastrophe ist. Es ist auch richtig, dass rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien in Europa auf dem Vormarsch sind und antisemitische Äußerungen im Alltag salonfähiger werden. Auch das eine Katastrophe! Es könnte aber sein, und damit komme ich auf meine Frage am Anfang zurück, dass Europa daraus lernt und alle Anstrengungen unternimmt, um an einem sozialen und wertebasierten, säkularem Europa zu arbeiten. Als glühender Europäer hoffe ich dies sehr! Vielleicht wird ein solches Europa für viele Menschen, auch aus Israel und hier insbesondere aus dem faszinierenden und säkularen Tel Aviv, interessant und sie ziehen es vor, dort zu leben oder zu bleiben, wo Religion und Hautfarbe keine Rolle mehr spielen und Antisemitismus, wenn nicht verschwunden, so doch nicht mehr zu einer existentiellen Bedrohung für jüdische Mitbürger wird. Wie sieht es in Israel aus? Sie schreiben zu recht, dass der Konflikt mit den Palästinensern gemangaged wird und auf beiden Seiten keiner an einer wirklichen Lösung interessiert ist. Die politische Rechte und die Ultraorthodoxie wird in immer stärkerem Masse die Geschicke des Landes bestimmen. Natan Sznaider hat in seinem Buch über die Gesellschaften in Israel auf die Allianz zwischen Religion und Staat, in seinen Worten, zwischen dem Heiligen und dem Profanen, hingewiesen. Kann es nicht sein, dass die Nerds in Tel Aviv irgendwann die Schn… hiervon voll haben und ein Leben z. B. in Berlin, einem Leben in Israel vorziehen? Gestatten Sie mir noch zwei Anmerkungen. Die Freundin meines in Berlin lebenden Sohnes ist arabische Israelin aus Haifa. Sie arbeitet als Psychologin für IsraAid in der Flüchtlingsbetreuung in Berlin. Sie empfindet das Nationalitätsgesetz als Katastrophe, welches u. a. die arabische Sprache als zweite Landessprache in Israel abschafft. Wohlgemerkt, sie ist seit ihrer Geburt israelische Staatsbürgerin! Als zweite Anmerkung möchte ich noch kurz auf den Komplex Israelkritik/versteckter Antisemitismus eingehen. Ein Kriterium hier eine Verbindung zu sehen ist der doppelte Standard in der Bewertung von z. B. Menschenrechtsverletzungen. Ja, den lege ich auch an. Warum? Ich erwarte als Anhänger und „Fan“ von Israel und den USA, natürlich auch von allen Ländern der EU, dass man z. B. mit Menschenrechten anders verfährt als in Nordkorea, China, Iran oder im Saudi-Arabien eines mordenden Kronprinzen. Dies geschieht ja auch. Dennoch wollte ich dies auch einmal loswerden.
    Vielen Dank für Ihr Verständnis.

  2. Bei Arte gab es gerade eine schöne Serie über sakrale Bauten. Unter anderem auch über den Jüdischen Tempel und die Synagogen. https://www.arte.tv/de/videos/048554-003-A/sakrale-bauwerke/
    Der Film schildert auch eindrücklich, wie sehr die jüdische Geschichte in Europa immer wieder vom Wohlwollen und der Ablehnung der jeweils Mächtigen geprägt war. Oft wurden die Juden stark in der Wahl ihrer Berufe eingeschränkt und sie durften nur als Pfand- oder Geldverleiher arbeiten, weil es den Christen damals untersagt war sich untereinander Geld gegen Zinsen auszuleihen. Dann gab es aber auch immer wieder Phasen in denen die Juden in Europa unter dem Schutz eines Fürsten mehr Freiheit erlangten. Kein Wunder, dass sie in diesen Phasen alles daran setzten, um diese Zeiten für sich möglichst optimal zu nutzen. Leider führte der dann von den Juden hart erarbeitete Wohlstand bei der Mehrheitsbevölkerung nicht selten zu Neid. Deshalb mussten sie sich immer wieder unauffällig verhalten. Was sie trotzdem oft nicht vor Verfolgung schützte.

    Das Auf Und Ab durchlebte auch der Rest der europäischen Bevölkerung. Doch besonders betroffen von diesen Wechselfällen der Geschichte einer offeneren und toleranteren Gesellschaft im Vergleich zu einer restriktiveren sind natürlich immer die Minderheiten. Beschämend auch für die Europäer ist die Tatsache, dass die Juden im Reich der Mauren in Andalusien freier leben konnten, als dies im christlichen Mittelalter der Fall war. Erkennt man doch an der Art und Weise, wie eine Gesellschaft mit ihren Minderheiten umgeht, wie hoch entwickelt und reif sie ist. Können sich doch nur die Gesellschaften zu ihrem vollen Potential entfalten, die jedem Einzelnen nach seinen Fähigkeiten erlauben zum Wohl der Gesellschaft beizutragen, unabhängig von seiner Familiengeschichte und seiner Religion. So war denn auch das muslimische Reich dem mittelalterlichen Europa über Jahrhunderte hinweg in seinen kulturellen und wissenschaftlichen Errungenschaften überlegen. Erst als die Muslime eine vergleichbare religiöse Engstirnigkeit entwickelten, wie das damalige europäische Mittelalter verloren sie ihren gesellschaftlichen Vorsprung.

  3. Sehr geehrter Herr Schneider,
    Sie bezeichnen Jeremy Corbyn im Blog und in Ihrem neuesten Buch als „Antisemit“. Dem möchte ich aus deutscher Sicht Folgendes entgegenhalten. „Antisemitismus“ ist in Deutschland – und dies völlig zu Recht – mit der Katastrophe der Shoa assoziiert. Eine solche Katastrophe wäre aus vielerlei Gründen in Grossbritannien (auch in Ländern wie Frankreich, den USA etc.) undenkbar gewesen. So schmerzlich diese Erkenntnis auch für viele Deutsche sein mag!
    Aus diesenGründen finde ich – bei aller berechtigten Kritik im Detail -, einen linken britischen Politiker in einer deutschen Publikation als „Antisemiten“ zu bezeichnen als problematisch, um nicht zu sagen schäbig. Ich glaube das hat er nicht verdient.

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