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Arabisch in Israel

Viele fragen sich, was das neue Nationalstaat-Gesetz nun für die arabische Sprache bedeutet, die nicht mehr offizielle Sprache ist, sondern einen »speziellen Status« erhalten hat. In der Praxis zunächst einmal: nichts. Zunächst wird sich nichts verändern. Doch es kann auf längere Sicht viel bedeuten.

 

Das Britische Mandat in Palästina

Der Status der offiziellen Landessprachen in Israel war bestimmt durch den §82 des »Palestine Order in Council«, der 1922 für das Britische Mandat in Palästina festgelegt wurde. Darin heißt es:

„All Ordinances, official notices and official forms of the Government and all official notices of local authorities and municipalities in areas to be prescribed by order of the High Commissioner, shall be published in English, Arabic, and Hebrew.“

Dieses Gesetz wurde vom Staat Israel im Prinzip übernommen, mit einer wichtigen Änderung: daß offiziell Englisch nicht mehr verwendet wird, sondern nur noch Hebräisch und Arabisch. Bis zum neuen Nationalstaat-Gesetz gab es zwei offizielle Sprachen, eben Hebräisch und Arabisch. Mit dem neuen Nationalstaat-Gesetz gibt es nun nur noch eine offizielle Sprache: Hebräisch.

 

Straßenschilder in drei Sprachen

In den Anfängen des Staates Israel wurde Arabisch von den Behörden allerdings weniger verwendet als Hebräisch. Das Oberste Gericht entschied 2000, daß das Arabische wesentlich mehr benutzt werden muß als bis zu diesem Zeitpunkt. Straßenschilder, Nahrungsangaben und vieles mehr, muß seitdem auch auf Arabisch angegeben werden und wer schon in Israel war, kennt die Straßenschilder auf Hebräisch, Arabisch und Englisch und nimmt das als selbstverständlich hin. Es gab in der Vergangenheit allerdings von seiten der extremen Rechten immer wieder Versuche, das Arabisch z.B. von den Straßenschildern per Gesetz wieder abzuschaffen, was aber bislang nie durchkam. Wer durch die besetzten Gebiete fährt und dort die israelischen Straßenschilder sieht, findet oft schwarzen Spray über die arabischen Hinweise, die von radikalen Siedlern stammen, die alles Arabische »durchstreichen« wollen in den Gebieten.

 

Akademie der arabischen Sprache

Um den Status des Arabischen zu fördern, wurde von der Knesset im Jahr 2007 entschieden, eine Akademie der arabischen Sprache ganz nach dem Vorbild der Akademie der hebräischen Sprache zu schaffen. Dieses Institut gibt es bis heute in Haifa.

Indem Arabisch nun nicht mehr die zweite offizielle Sprache ist, sondern nur noch einen »Special Status« hat, wird sich, wie schon oben erwähnt, erst einmal nichts verändern. Daß Arabisch beispielsweise als benutzte Sprache in der Knesset zugelassen ist, ist unerheblich. Da die jüdischen Israelis zumeist kein Arabisch oder nur wenig Arabisch können, die arabischen Knesset-Abgeordneten aber perfektes Hebräisch, haben diese immer auf Hebräisch ihre Reden gehalten.

Auch weiterhin dürften offizielle Bekanntmachungen etc.  auch auf Arabisch veröffentlicht werden, wer auf Ämtern Arabisch sprechen will, kann das tun – aber es wird ihn, wie schon bislang, kaum jemand verstehen. In der Praxis ist es natürlich so, daß Hebräisch einfach die dominante und identitätsstiftende Sprache des Staates ist.

 

»Special Status« — Was könnte folgen?

Doch der »Special Status« läßt natürlich Raum für Interpretationen. Die Rechte könnte zum Beispiel erneut einen Vorstoß machen, um die Straßenschilder nicht mehr dreisprachig, sondern zweisprachig zu gestalten. Und das wäre nur ein Anfang, um die arabische Sprache aus dem öffentlichen Leben allmählich zu verbannen. Alles ist nun möglich. Im israelischen Fernsehen gibt es z.B. auch Untertitelungen auf Russisch, weil ein großer Teil der Bevölkerung aus der ehemaligen Sowjetunion stammt und nicht so gut Hebräisch kann. Es gibt sogar einen russischsprachigen TV-Sender. Untertitelungen auf Arabisch könnten dagegen in Zukunft, z.B., wegfallen, usw.

 

Eine »5. Kolonne«?

Es ist vor allem die symbolische Bedeutung, die diesen »Special Status« so problematisch macht. Man gibt den Arabern mit israelischem Pass, immerhin 1,8 Millionen Menschen im 8 Millionen-Land Israel, das Gefühl, sie seien nur Bürger zweiter Klasse. Interessant ist, daß gestern der ehemalige Verteidigungsminister Moshe Arens, ein Likud-Mann der alten Schule, in einem Artikel in Haaretz sich beschämt zeigte, daß das neue Gesetz auch die Drusen nun zu Bürgern zweiter Klasse macht und daß er hofft, daß die Regierung diesen Fehler im neuen Gesetz so schnell wie möglich behebt. Ich habe das Thema gestern kurz angesprochen. Auch die Drusen sprechen Arabisch. Das Gesetz ist einfach dumm und kurzsichtig und nicht durchdacht, weil es die 1,8 Millionen arabischen Israelis weiter ausgrenzt, anstatt sie – wie es die Unabhängigkeitserklärung ja fordert – einzubinden und ihnen einen Anteil am Staat zu geben und sie somit nicht zu einer »5.Kolonne« werden zu lassen, sondern zu Partnern und Bürgern, die sich für ihren Staat, Israel, einsetzen.

 

Unsichere Identität?

Abgesehen von der politischen Stoßrichtung, die dieses Gesetz beinhaltet und die den Geist dieser rechtesten aller israelischen Regierungen wiedergibt, fasziniert mich ein anderer Aspekt an dem Nationalstaat-Gesetz: Daß just in diesen Tagen solch ein Gesetz verabschiedet wird. In diesen Tagen bedeutet: Israel war noch nie stärker als jetzt. Nicht nur militärisch, sondern auch politisch. Donald Trump läßt Bibi mehr oder weniger gewähren, die Russen sind im ständigen Dialog mit Israel wg. Syrien, Netanyahu ist es mit Hilfe der Visegrad-Staaten gelungen, die EU in Sachen Israel/Palästina zu spalten, usw.

Braucht man da eine Rückversicherung der eigenen Identität? Das Gegenteil sollte der Fall sein. Aber es scheint, als ob irgendwo tief drinnen, die israelische Rechte ahnt, daß ihr Weg eigentlich eine Sackgasse ist, um es mal vorsichtig auszudrücken. Dieses Gesetz wirkt auf mich wie das Pfeifen im Walde. Man gibt sich stark und tapfer, obwohl man es eigentlich tief im Innern nicht ist.

 

Zipi Livni oder: eine Chance für die Opposition?

Wenn die israelische Opposition das nur erkennen und Gewinn daraus ziehen könnte. Nachdem der blasse Isaac Herzog nun neuer Präsident der Jewish Agency geworden ist, hat der Vorsitzende der Arbeitspartei, Avi Gabbay, Zipi Livni zur neuen Oppositionsführerin ernannt. Livni hat bereits angekündigt, in dieser Position das neue ungerechte Gesetz bekämpfen zu wollen. Das sind hehre Worte, aber es ist schon die richtige Richtung. Die Opposition darf nicht zum »business as usual« zurückkehren. Die Gefahr ist allerdings, daß die Bevölkerung das Gesetz nicht weiter ernst nehmen wird, weil sich in der Praxis anscheinend nichts ändern wird. Da müßte die Opposition viel Aufkärungsarbeit leisten. Mal sehen, ob sie dazu in der Lage ist.

Aber wie schon früher gesagt: Die Drusen wollen bereits gegen das Gesetz klagen. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

 

Richard C. Schneider, Tel Aviv

2 Gedanken zu „Arabisch in Israel

  1. „… es scheint, als ob irgendwo tief drinnen, die israelische Rechte ahnt, dass ihr Weg eigentlich eine Sackgasse ist,… Dieses Gesetz wirkt auf mich wie das Pfeifen im Walde.“

    Es scheint, dass es sich hierbei um Wunschdenken handelt. Dieses Gesetz ist aus meiner Sicht kein Pfeifen im Walde; es folgt vielmehr dem Prinzip „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ – Israels religiöse Rechte „ahnt“ nichts von einer Sackgasse, auf die sie angeblich zusteuern würde. Sie lebt in der Erwartung des Messias und eines halachisch jüdischen Staates. Solange der Messias auf sich warten lässt, geht sie diesem Ziel Schritt für Schritt entgegen, mit messianischem Eifer. Anders ausgedrückt: Im jüdischen Israel, in dem der jüdische Messias regiert, kann nur entweder die Halacha gelten oder die Sharia. Wo die Sharia auf lange Sicht nicht toleriert werden kann, hat auch ihre Sprache keinen Platz. Ihre Sprecher – in Israel – müssen sich jüdischer Gerichtsbarkeit bzw. der jüdischen ‚Herrschaft‘ unterordnen. Darum geht es, auch wenn das Gesetz im Moment noch ohne weitreichende Bedeutung ist.

    [PS: Es ist nicht praktisch, dass die Inhalte dieses Blogs in der Weise „geschützt“ sind, dass ein copy-paste aus dem Text nicht möglich ist.]

  2. Wie steht es eigentlich um Hebräisch in den PA-Gebieten, die ja auch Teil des Mandatsgebiets war. Gibt es Hebräische Verkehrsschilder in Ramallah oder Jenin?
    Oder mal ein Blick nach Frankreich. Wie steht es um die Gleichberechtigung der Minderheiten in Frankreich, deren Größe insgesamt die der Arabischsprechenden in Israel wiet übertrifft. Bretonisch, Baskisch, Katalanisch im Rousilion, Elsässisch, fränkisches Lothringisch….(Nur Korsisch ist seit dem Wahlsieg der korsischen Nationalisten eine Ausnahme)

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