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Tel Aviver Gedanken in Zeiten von Corona, 13

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Am 8. April abends beginnt das Pessach-Fest. Es dauert 8 Tage (in Israel 7) und es beginnt mit dem sogenanten Seder-Abend. Ich erkläre Ihnen jetzt nicht, was da geschieht (können Sie im Netz nachlesen), aber es ist auf alle Fälle eines der wichtigsten und schönsten Familienfeste im jüdischen Kalender. Dieses Jahr werden die Familien also alle getrennt, respektive via „Zoom“ verbunden sein, zumindest diejenigen, die nicht streng orthodox sind.

10 bis 11 Plagen

Auch ich werde dieses Pessach alleine in meiner Wohnung in Tel Aviv verbringen. Ich kann nicht einmal zu Freunden hier in der Stadt gehen. Ich war heute einkaufen in meinem kleinen Laden, wo ich Käse, Oliven, Wein besorgte und der Verkäufer, der mich natürlich kennt, meinte auch, daß das ein Seder-Abend wird, der uns allen in Erinnerung bleiben wird.

Pessach erinnert an den Auszug aus Ägypten, erinnert an die 10 Plagen, die über Ägypten kamen, als Pharaoh Moses mit seinem Volk nicht ziehen lassen wollte. Die Geschichte passt in diesen Tagen besser denn je, nicht wahr? Vielleicht sollte man die Haggada auf 11 Plagen erweitern?

Totaler Lockdown zu Pessach

Wir sind jetzt, glaube ich, in der vierten Woche der Isolation, so ganz genau weiß ich das nicht mehr, die Tage sind alle eintönig und gleich, man verliert ein bißchen das Zeitgefühl. Die israelische Regierung wird wohl einen Total-Lockdown ab Dienstag oder Mittwoch bis zum Ende des Wochenendes verhängen, weil man unbedingt vermeiden will, daß Menschen doch zu ihren Familien gehen – und damit das Virus noch weiter verbreiten. Die Polizei hat bereits Straßensperren in Jerusalem eingerichtet, man kommt also gar nicht mehr in die Stadt, dasselbe soll möglicherweise auch in den Stadtvierteln, in denen man lebt, geschehen, das wird gerade noch diskutiert. Für mich persönlich ändert sich dadurch nichts, aber es hat schon was, wenn man nun ganz praktisch keinerlei Möglichkeit mehr hat, sein Viertel zu verlassen. Die Gründe sind einsehbar, aber allmählich wird’s schon zunehmend brenzlig. Dieses feine Linie zwischen Schutz des Lebens und persönlicher Freiheit wird dünner und dünner und dünner…

Annexion im Schatten von Corona

Inzwischen scheinen sich Benny Gantz und Benjamin Netanyahu bei den Koalitionsverhandlungen immer mehr zu einigen, so auch bei der Frage der Annexion des Westjordanlandes, wie der „Friedensplan“ von Donald Trump dies vorsieht. Bis zum Sommer soll das geschehen, unter gewissen Auflagen und Umständen, aber es interessiert im Grunde genommen im Augenblick niemanden, was da ausgehandelt wird. Was Bibi natürlich wieder in die Hände spielt. Aber selbst wenn es zur Annexion käme: brutal gesagt, würde sie nur noch offiziell bestätigen, was seit Jahrzehnten ja sowieso schon der Fall ist. Wird’s dann zum großen Aufschrei der Welt kommen? Ich fürchte, das wird von Corona abhängen. Und selbst wenn… es wird am Ende davon abhängen, ob der neue US-Präsident (falls im November überhaupt gewählt werden kann) Joe Biden oder wieder Donald Trump heißen wird. Und zum Trost für alle, die jetzt ganz entsetzt sind: Eine Annexion kann man wieder rückgängig machen. Sowie die internationale Politik das will (sprich: die USA), wird sich Israel, selbst Bibi, dem beugen müssen. Aber was bleibt ist die Realität „on the ground“. Und die gibt es bereits seit Jahren, da darf man sich nichts vormachen. Eine offizielle Annexion wäre sozusagen nur noch die offizielle Bestätigung eines Ist-Zustandes, den die Welt über Jahrzehnte zwar kritisiert, aber doch nie wirklich bekämpft hat.

Aus einer anderen Ära

Aber angesichts der Pandemie wirkt selbst eine Annexion wie die Lächerlichkeit aus einer anderen Ära. Irgendwann wird dieser Virus besiegt sein. Und sollte es zur Annexion kommen, wird Israel dann möglicherweise den Preis bezahlen müssen. Oder eben auch nicht. Denn wer weiß, wie diese Welt nach Corona ausschaut. Und in welcher Verfassung dann auch noch die Palästinenser sein werden. Das Virus scheint Netanyahu in die Hände zu spielen. Mal sehen, ob das nicht dennoch ein Pyrrhus-Sieg werden könnte.

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