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Tel Aviver Gedanken in Zeiten von Corona, 15

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Anders als in Deutschland, ist unsere Bewegungsfreiheit hier in Israel arg eingeschränkt, ich habe das ja bereits mehrfach erwähnt. Wir dürfen uns – abgesehen vom Einkauf und Arztbesuch – nur noch in einem Radius von 100 m um die Wohnung herum bewegen. Am Seder-Abend, also dem ersten Abend des Pessach-Festes gab es sogar eine komplette Ausgangssperre von Mittwoch Nachmittag bis Donnerstag um 7 Uhr morgens, weil die Regierung Angst hatte, die Menschen könnten doch zur Familie fahren, um gemeinsam zu feiern. In Deutschland wird man mit diesem Problem jetzt wohl zu Ostern konfrontiert sein und man kann nur hoffen, daß die Menschen vernünftig genug sind und nicht zu ihren Liebsten fahren und daheim bleiben (Kann mir eigentlich jemand sagen, warum ich keine ZOOM-Aktien gekauft habe??).

Sich bewegen können

In den letzten beiden Tagen habe ich nun ein neues Phänomen an mir feststellen können: Obwohl ich jeden Tag daheim Sport mache, ziemlich lange, ziemlich extensiv, spüre ich mittlerweile eine „Grantigkeit“ aufgrund von Bewegungsmangel. Und so bin ich gestern Abend zum Beispiel nochmal losgezogen, weil ich es auf der verd… Couch nicht mehr ausgehalten habe. Und bin eine Stunde intensiv spazierengegangen. Nein, nicht ewig weit weg von der Wohnung, sondern eher so im Kreis, nun ja, in einem sehr umfassenden Kreis von der Wohnung entfernt. Aber ich mußte raus… lange… der Körper verlangte dieses Gehen. Und so ging ich nicht nur, sondern rannte zwischendurch, hüpfte, tanzte, riss die Arme hoch… wenn mich jemand gesehen hätte, hätte er wohl gedacht, ich sei durchgedreht. Aber glauben Sie mir… das war himmlisch… dieses Sich-Bewegen. Dieses: Sich bewegen k ö n n e n. Und wieder ist es da, diese plötzliche Dankbarkeit für ganz kleine Dinge in solchen Zeiten der Not, in solchen Zeiten der totalen Reduktion.

Der Premier gehört zur „Risikogruppe“

Und während wir hier so eingesperrt leben, ereignete sich ein Skandal um Pessach, der es in sich hat. Premier Netanyahu wurde gefilmt, wie er am Seder-Abend zusammen mit seinem Sohn (nein, nicht Yair, der andere) am Tisch in seiner Residenz sitzt. Nun muss man wissen, daß dieser Sohn nicht in der Residenz lebt. Dass also der Premier die von ihm erlassenen Quarantäne-Bestimmungen gebrochen hat. Dass er sich selbst in große Gefahr begeben hat, denn immerhin gehört er zur „Risikogruppe“, er ist 70 Jahre alt. Viele Journalisten erregten sich darüber. Zurecht. Denn da ist nicht nur die Frage, was für ein „Vorbild“ der Premier abgibt, wenn er von seinem Volk heftiges abverlangt, aber sich selbst nicht daran hält, sondern mehr noch: Wie kann, wie darf sich der Führer einer Nation so in Gefahr begeben. Denn ganz egal, was man von Netanyahu halten mag, er ist nun mal der Premier, und ein Land ohne Führung in diesen Zeiten wäre eine Katastrophe. Und wie mein wunderbarer Freund, der Journalist Anshel Pfeffer, tweetete, so haben wir in Israel noch nicht einmal einen Stellvertreter oder jemanden, dem Bibi die Amtsgeschäfte übergeben könnte (übergeben würde?) im Falle einer Erkrankung. Selbst Boris Johnson, merkte der ursprünglich aus UK stammende Anshel an, hatte jetzt bei seiner Erkrankung einen Stellvertreter, dem er sofort alles übergab. Hier in Israel? Fehlanzeige.

Journalistenschelte

Schlimm genug also diese Geschichte. Doch die Reaktionen, z.T. von offizieller Seite, waren schlimm. Die Journalisten, die das anprangerten (und selbst linke Journalisten griffen in diesem Fall nicht Bibis Politik an, sondern machten sich Sorgen um die Gefahr der „Führungslosigkeit“), wurden beschimpft, sie sollten sich doch bitte um ihre eigenen Dinge scheren. Ja, was sind denn die „eigenen Dinge“ für einen Journalisten??? Es sind immer wieder solche Reaktionen, die zeigen, daß etwas „faul ist im Staate Dänemark…“

Die Ärzte und ein politischer Konkurrenzkampf

Die Lage hier ist angespannt. Über 10 000 Erkrankte auf über 8 Millionen Einwohner und „nur“ knapp 100 Tote derzeit – das ist im Grunde eine überschaubare Angelegenheit, wenn man noch dazu weiß, daß die meisten Infizierten zum Glück nur leichte Symptome haben und die Kurve nicht mehr rasant nach oben zeigt . Doch das Gesundheitssystem ist marode. Wie sehr, konnte man jetzt in einem Artikel von Haaretz lesen. Da melden sich hoch angesehen Ärzte und Professoren zu Wort, die in ihren Krankenhäusern jeweils „an der Front“ stehen und sehr genau wissen, wovon sie reden. Was alles schief läuft, was nicht funktioniert, was fehlt. Und daß unter den „Beratern“ des Premiers niemand ist, der – wie ein Arzt sinngemäß formulierte – je einen Patienten in diesen Tagen gesehen hat, mit anderen Worten: der die Lage vor Ort in den Krankenhäusern nicht wirklich kennt. Ja, in der Tat, vieles läuft schief hier. Auch wenn wir Masken, Handschuhe, Alkogel etc. überall bekommen können. Anders als in Deutschland. Am schlimmsten: es wird nicht genug getestet. Verteidigungsminister Naftali Bennett von der ultrarechten „Yemina“-Partei, verlangt seit Tagen, daß man dies in die Hände der Armee geben soll, sie sei organisiert und könne das locker im Lande durchführen. Es müsse mehr getestet werden. Doch Netanyahu hört nicht auf ihn. Warum, fragen sich viele? Und die Antwort ist ernüchternd und erschütternd zugleich: Weil er ihm, Bennett, seinem Erzfeind keinen Erfolg gönnen will…  Politischer Konkurrenzkampf also, so scheint es.

Neidisch auf Deutschland

Oh my God… mag man da nur noch ausrufen… Und glauben Sie mir… alle, aber wirklich alle, mit denen ich in diesen Tagen spreche, schauen neidisch auf die deutsche Politik, wie „toll“ doch in Deutschland alles funktioniere, wie großartig das Gesundheitssystem funktioniere… Ich kann dazu nur nicken, aber erkläre meinen israelischen Freunden auch, daß selbst in Deutschland natürlich nicht alles Gold ist, was glänzt. Daß das Ärzte- und Pflegepersonal immer noch nicht genug Masken etc. hat, daß in den Gesundheitsämtern vieles schief läuft, daß man manchmal Tage – wenn überhaupt – auf einen Test warten muß etc. Was ganz sicher besser läuft: der politsche Diskurs und der Umgang der Politiker in diesen Tagen miteinander. Ob aber die Maßnahmen hier oder in Deutschland besser wirken werden, dieses Prinzip „Freiwilligkeit“, wie es in Deutschland gehandhabt wird, das kann im Augenblick ja noch niemand absehen. Heute morgen lese ich auf SPIEGEL ONLINE, dass die Deutschen offensichtlich keine Lust mehr haben, daheim zu bleiben und die Bewegungsdaten zeigen, daß immer mehr Menschen ihre Wohnungen wieder verlassen. Wenn das stimmt, dann wäre das eine Katastrophe. Ich sehe jeden Tag in den deutschen Nachrichten die Bilder von vollen Parks etc. – angeblich sitzen und gehen dort alle mit Sicherheitsabstand herum, aber ich wage das zu bezweifeln, daß das konsequent durchgezogen wird von jedem Einzelnen. Man kann es nur hoffen. Es darf keinen Backlash geben. Auf keinen Fall. Und ich bete, daß die Menschen in Deutschland und auch hier in der Gesamtheit begreifen, was auf dem Spiel steht. Und natürlich im Rest der Welt.

„Die Alten“

Ach ja, was mich bei einigen Interviews mit israelischen Ärzten auch sehr berührte, war und ist der völlig andere Umgang mit „Alten“. Anders als in Deutschland, wo ja zum Teil von Jüngeren eine durchaus aggressive Haltung gegenüber den Älteren eingenommen wird, sieht das hier ganz anders aus. Das liegt natürlich an der viel höheren Bedeutung der Familie für jeden Einzelnen. Mit „Saba und Safta“ so viel wie möglich zusammen zu sein, also mit Opa und Oma, ist hier eine Selbstverständlichkeit. Die Familien kommen prinzipiell immer am Shabbat zusammen, man ist in ständigem Kontakt, das Zusammenleben von Jungen und Alten ist hier, wie in vielen Mittelmeer-Ländern, eine viel größere Selbstverständlichkeit als in Deutschland, das weiß ich nun aus eigener Erfahrung mit meiner eigenen Familie. Die Ärzte, die interviewt wurden, wurden natürlich gefragt, wie sie handeln würden, wenn es darum ginge zu entscheiden, wer denn nun an eine Beatmungsmaschine gehängt wird und wer nicht. Natürlich hoffen sie alle inständig, daß sie nie in diese Situation kommen werden. Natürlich verwiesen sie auch auf die Ethikommission, die da Richtlinien vorgeben müsse. Aber: sie machten keinen Unterschied zwischen alt und jung, sondern zwischen gesünder und sehr krank. Einer sagte es sehr deutlich: Wenn er entscheiden müßte, ob er einen im Prinzip fitten und gesunden 80jährigen an die Maschine hängt oder einen sowieso schon sehr kranken, mit einer schweren Vorgeschichte belasteten 60jährigen, dann wäre die Entscheidung nicht automatisch pro Jüngeren.

Nein, man will nicht in der Haut von Ärzten in solchen Situationen stecken. Man will aber natürlich auch nicht der Patient sein, dem die volle Behandlung untersagt wird, weil man angeblich weniger Recht auf ein weiteres Leben hat, weil es „sinnlos“ sei, behandelt zu werden. Das gilt natürlich auch für Jüngere. Diese Form der Diskussion, wie ich sie aus der Ferne in Deutschland und anderswo beobachte, erschreckt mich. Sie ist so zutiefst unmenschlich.

Erinnerungen an „bekannte Zeiten“ in Europa

Der Schweizer Arzt, Prof. Paul Robert Vogt, veröffentlichte in der Schweizer Zeitung „Die Mittelländische“ einen geharnischten Artikel über das Versagen der Schweizer Politik und Gesellschaft in Sachen Corona. Vieles von dem, was er da beschreibt, kann man auch auf Deutschland und anderswo übertragen. Was er über den Umgang mit „den Alten“ schreibt, sollte man sehr genau lesen. Er hat so wahnsinnig recht:

„Angeblich beträgt das durchschnittliche Alter der verstorbenen Patienten 83 Jahre, was von vielen – von zu vielen in unserer Gesellschaft – wohl als vernachlässigbar abgetan wird.

Die lässige Grosszügigkeit, wenn andere sterben, ist in unserer Gesellschaft nicht zu übersehen. Das andere, das sofortige Geschrei und die immediaten Schuldzuweisungen, wenn es einem selber oder nächste Angehörige trifft, kenne ich zur Genüge. 

Alter ist relativ. Der eine US-Präsidentschafts-Kandidat ist heute 73 und der andere ist 77 Jahre alt. Mit guter Lebensqualität ein hohes, selbstbestimmtes Alter zu erreichen, ist ein hohes Gut, für das wir in der Schweiz ins Gesundheitswesen investiert haben. Und es ist das Resultat der Medizin, dass man auch mit drei Nebendiagnosen bei guter Lebensqualität ein hohes Alter erreichen kann. Diese positiven Errungenschaften unserer Gesellschaft sind nun plötzlich nichts mehr wert, sondern, mehr noch, nur noch eine Last?

Zudem: wenn 1000 über 65-Jährige oder 1000 über 75-Jährige untersucht werden, die bisher meinten, sie seien gesund, haben nach einem gründlichen Check wohl >80% neu 3 „Nebendiagnosen“, besonders wenn es sich um die weit verbreiteten Diagnosen „hoher Blutdruck“ oder „Zucker“ handelt.

Gewisse Medien-Artikel und Leser-Kommentare – viel zu viele, meiner Meinung nach – überschreiten bei dieser Diskussion jede Grenze, haben den üblen Geruch der Eugenik und es kommen Erinnerungen an bekannte Zeiten auf. Muss ich wirklich jene Jahreszahlen nennen? Es erstaunt mich, dass unsere Medien nicht bemüht sind, in dieser Sache einmal Klartext zu schreiben. Es sind ja unsere Medien, welche diese erbärmlichen Meinungsäusserungen in ihren Kommentarspalten publizieren und so stehen lassen. Und ebenso erstaunlich ist, dass die Politiker es nicht für notwendig erachten, einmal eine klare Stellungnahme zu diesem Punkt abzugeben.“

Dazu muss man ja nichts weiter mehr sagen. Haben Sie ein schönes Wochenende und trotz allem: ein schönes und glückliches Osterfest! Und für alle jüdischen Leser: „a gitn mo’ed“

 

2 Gedanken zu „Tel Aviver Gedanken in Zeiten von Corona, 15

  1. Vielen Dank für die letzten Berichte vom Pessachfest in den Corona-Zeiten und die Corona als elfte Plage. Wie haben wir das Fest dieses Jahr gefeiert? Nur zu zweit ohne Kinder und Kindeskinder wie sonst. Wir hatten ein leckeres Pessach-Mahl und lasen zwei passende Geschichten, die eine von Armin T. Wegner über Seder-Abend im Kibbuz
    Beth Sera (der im Markenhof bei Freiburg als erster Kibbuz deutscher Juden in Palästina entstand).
    Mitten bei der Lesung klingelte es an der Tür und siehe, da kam der Prophet Elias in der Gestalt eines Ex-Fußballers der Schweiz und Israel (nebenbei Hebräisch-Schüler von mir) und brachte als Bote der Chabad-Lubawitsch-Gemeinde ein Packet mit handgebackener Mazza Schemura aus Bet Schemesch/Israel mit einer besonderen Haggada.
    Ob Blaise Pascal nicht recht hat:
    „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“

  2. Zu der vermeintlich unethischen Diskussion darüber, wem bei Engpässen auf der Intensivstation geholfen werden soll: In einer Gesellschaft, in der der Tod kaum noch eine Rolle spielt vergessen wir gerne, dass jede Generation ihre Lebenszeit nur von den künftigen Generationen geliehen hat. Die Natur hat uns eben so angelegt, dass wir nur eine begrenzte Lebensdauer haben, damit immer wieder eine neue Generation die Chance bekommt die Lebensumstände neu zu gestalten und Probleme innovativ zu lösen. Denn dies gelingt den Älteren meist bei weitem nicht mehr so gut, wie den Jüngeren. Diese Tatsache sollten wir Älteren uns auch eingestehen, die wir inzwischen in vielen westlichen Ländern die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Und deshalb ist es für die Gesellschaft vermutlich auch langfristig ein Problem, wenn die Älteren das Runder in der Regierung nicht rechtzeitig an die Jüngeren abzugeben bereit sind. Dann haben wir diese Gerontokratien der alten, im Kopf schon recht unflexiblen, oft schon starrköpfigen Herren, wie etwa in den USA, aber auch in machen anderen Westlichen Ländern.

    Ganz schlimm finde ich dann noch den Versuch von Leuten aus der amerikanische Forschung, zu versuchen uns unsterblich zu machen. Ja, wenn wir jetzt schon Probleme mit unseren Ressourcenverbrauchen haben und damit die Weltbevölkerung zu ernähren, wie soll das dann erst funktionieren, wenn sich manche Reiche im Westen herausnehmen würden „ewig zu leben“ (ist technisch wohl in absehbarer Zeit nicht möglich, aber nur mal angenommen). Dann würde der biologische Deal der Generationen völlig platzen…

    Und um eine solche Entscheidung auf der Intensivstation einmal konkret zu machen: Angenommen Sie sind Arzt auf einer Intensivstation und haben dort einen schon bettlägerigen Patienten, der über Achzig Jahre alt ist (der meines erachtens ja die längste Zeit seines Lebens bereits hinter sich hat) und einen Patienten der Mitte Fünfzig ist. Bei beiden hat sich gerade der Zustand verschlechtert und sie haben aber nur ein Beatmungsgerät. Sie wissen aus Erfahrung, dass der Achzigjährige das Beatmungsgerät voraussichtlich drei Wochen lang brauchen wird, wobei der Behandlungserfolg auch noch fraglich ist. Bei dem jüngeren Patienten wissen sie dagegen auch aus Erfahrung, dass er vermutlich nach drei Tagen Beatmung den kritischen Zustand überstanden haben wird. Darüber hinaus ist ihnen auch bewusst, dass sie das Beatmungsgerät in den nächsten Tagen auch noch für weitere Patienten brauchen werden, die aber momentan noch nicht den kritischen Zustand erreicht haben. Und nun müssen sie eine Entscheidung treffen.

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