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Tel Aviver Gedanken in Zeiten von Corona, 19

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Es wird schief gehen. Es wird nicht funktionieren – das denke ich mir in diesem Augenblick.

Ich bin vor 10 Minuten wieder nach Hause gekommen. Ich musste in die Apotheke und Drogerie (ist hier in Israel meistens in einem Laden zusammen, genannt „Superpharm“). Seit gestern sind die Bestimmungen zur Bekämpfung von Corona gelockert worden. Etliche Geschäfte dürfen wieder aufmachen, die Menschen können sich privat zwar nur 500 m von der Wohnung entfernt bewegen, aber wenn ich jetzt zu einem bestimmten Laden 5 km oder mehr von mir entfernt müßte, wäre das kein Problem mehr.

Also – ab in die Drogerie und Apotheke, um ein paar Dinge zu besorgen, die man für den Alltag braucht. Der Laden: rappelvoll! Viele: ohne Maske. Etliche: mit Maske, aber nicht über die Nase gezogen, sondern nur über den Mund. Und fast alle: Ohne die 2 m – Abstandsregelung.

Streit

Ich bin Slalom gelaufen, um den Menschen auszuweichen. Fast ein Ding der Unmöglichkeit. Als ich an der Kasse eine Frau hinter mir (mit drei Kindern) bat, sie möge doch den Sicherheitsabstand wahren, fauchte sie mich an. Es wäre beinahe ein irrer, verrückter Streit losgebrochen, wenn sich die Kassiererin nicht endlich eingemischt hätte. Doch sie erklärte der Frau (auf Arabisch) nicht, daß sie den Abstand wahren muß, sondern, daß es sich nicht lohnt, mit mir einen Streit anzufangen, so nach dem Motto: mit dem Kerl – lass es. Dass sie sich selbst und mich und andere in Gefahr bringen könnte – das interessierte auch die Kassiererin nicht. Es ist zum Haare raufen.

Auf dem Heimweg schaute ich mich in den Läden um. Überall dasselbe Bild. Außer bei einigen Läden wie dem Natur-Bio-Laden. Da stehen die Menschen auf der Straße, im gehörigen Abstand. Es werden nur vier Leute gleichzeitig hereingelassen, alles läuft da vorschriftsmäßig und vorsichtig. Immerhin.

Erster Verkehrsstau

Die israelischen Zeitungen berichten heute, daß auf dem Ayalon, der Tel Aviver Stadtautobahn, zum ersten Mal seit Wochen wieder ein Verkehrsstau zu sehen war. Und was das bedeutet, ist klar: die Menschen strömen wieder in die Stadt. Werden sich alle an die Regelungen halten? Ganz gewiß nicht. Ähnliches höre ich aus Zürich, ähnliches aus Frankfurt, München, Berlin. Ja, viele halten sich dran. Aber viele eben auch nicht.

Und was das bedeuten könnte, ist doch klar. Wenn wir in Ländern wie Deutschland und Israel, wo sich die Lage nun tatsächlich ein wenig verbessert hat, diesen Vorteil verspielen, dann ist es aus. Dann stecken wir alle über noch viel längere Zeit in einer womöglich noch extremeren Quarantäne als die letzten Wochen schon (zumindest hier in Israel, wo die Maßnahmen strenger waren und eigentlich noch sind als in Deutschland).

Man könnte an der Uneinsichtigkeit und Dummheit solcher Menschen verzweifeln. Denn wir alle werden den Preis für ihre offensichtliche Ignoranz, für ihre – letztendliche – Menschenverachtung bezahlen.

Iftar

Und man kann nur beten, daß es gut geht, diese leichte Öffnung. Man kann wirklich nur beten. Und wenn jetzt hier der Ramadan beginnt, dann kann ich z.B. in meinem Stadtteil Yaffo nur hoffen, daß die Menschen so vernünftig sind und zum Iftar nicht zusammenkommen werden. Das ist hart und bitter, ich weiß, wir hatten ja gerade Pessach, da war das ja auch unmöglich… aber es geht nicht anders, es geht einfach nicht anders. Die Moscheen bleiben auf alle Fälle geschlossen, Jordanien, das die Oberhoheit über die Al-Aksa Moschee auf dem Tempelberg in Jerusalem hat, hat schon vor einigen Tagen angekündigt, daß Al-Aksa zu bleibt.

Hoffentlich kapieren die Menschen in Israel, in Deutschland, einfach überall, endlich, was auf dem Spiel steht. Und wer meint, man könne nicht alles zumachen wegen der Folgen für die Wirtschaft, sollte sich mal Gedanken machen, was uns das alles kosten wird, wenn‘s noch schlimmer würde nach der jetzigen Öffnung und dann so richtig alles runtergefahren werden muß.

Du kannst es nicht

In der Zwischenzeit gehen die Koalitionsgespräche zwischen Benny Gantz und Benjamin Netanyahu weiter. Gantz ist einfach nur noch eine tragikomische Figur. Er meint wohl wirklich, daß Bibi ihn noch ernst nimmt und nicht mit ihm spielt. Man fragt sich, ob es in seinem Umfeld nicht wenigstens eine Person gibt, die ihm sagt: Benny, hör auf mit dem Schwachsinn. Hör endlich auf. Du hast alles verspielt, inklusive der letzten Möglichkeit, die Demokratie zu retten. Geh einfach nach Hause. Du kannst es nicht. Bibi ist schlauer, besser, gewiefter. Es ist einfach so. Ob‘s einem gefällt oder nicht. Es sind schlimme Zeiten in der Welt. Und hier noch ein klein bißchen schlimmer…

3 Gedanken zu „Tel Aviver Gedanken in Zeiten von Corona, 19

  1. Sie sprechen mir aus der Seele… heute öffneten wieder mehr Geschäfte hier in Deutschland und genau dasselbe: kein Abstand halten oder sich aus dem Weg gehen (öfters auch bei/ von älteren Leuten, die unbedingt zu zweit einkaufen müssen), einkaufen mit Kindern, die alt genug wären, um daheim zu bleiben usw. Viel mehr Leute sollten/müssten Masken tragen. Ich will nicht wissen, wie es bei den Schulöffnungen werden wird. Die Ansteckungsrate unter 1 ist wirklich fragil.

  2. In unserem Supermarket gibt es einen Tuersteher. Draussen warten die Leute in 2m Abstand voneinander bis sie reinduerfen (nur wenn jemand raus geht kann der naechste rein). Der Tuersteher leasst niemand ohne Maske rein und nur nach Fiebermessung. Ich Weiss nicht wo sie wohnen Herr Schneider, aber gebe ihnen gerne die Addresse von unserem Supermarket. Eine Superpharm ist gleich daneben, auch mit Tuersteher.

  3. Lieber Herr Schneider, mich bedrückt Ihr pessimistisches Resümee sehr! Vielleicht ist eine kognitive Neuorientierung sinnvoll in dem Sinne, die Zeiten nicht als „schlimm“, sondern als „herausfordernd“ zu bezeichnen. Ja, dieses Virus verändert die Welt und diese muss sich auch verändern. Vielleicht hilft Ihnen – genau wie mir – ein Artikel der wunderbaren Eva Illouz vom 24.3 in der Süddeutschen Zeitung (Eva Illouz/ Die Welt danach – Kultur – SZ.de.webarchive). Grundtenor: wir brauchen mehr Solidarität, denn auch die, die in dieser Welt wie gnadenlose Bulldozer agieren, werden verstehen müssen, dass man nur das ausbeuten kann, was überhaupt noch existiert. In jeder Krise liegen große Chancen und wir alle sind gefordert, diese zu nutzen. Klingt sehr platt, sorry. Ist aber wahr. Ich bin da sehr optimistisch!

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