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Tel Aviver Gedanken in Zeiten von Corona, 22

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Mein Freund Uri, mit dem ich heute morgen telefoniert hatte, sagte während unseres Gesprächs: „Das ist doch ’ne schöne Story, erzähl doch die mal im Blog, nicht immer nur über die Politik hier“. Hat er eigentlich recht, dachte ich mir. Mach ich… Warum eigentlich nicht.

Ausgangssperre und Koalitionsvereinbarung

Ich werden Ihnen also nichts über den heutigen israelischen Unabhängigkeitstag unter Ausgangssperre erzählen (an die sich viele nicht halten, der Rothschild-Boulevard ist voll), ich werde Ihnen – zumindest nicht heute – also auch nichts über die bevorstehende Anhörung vor 11 Richtern am Sonntag und Montag erzählen. Da soll dann entschieden werden, ob die Koalitionsvereinbarungen zwischen Blau-Weiss und Likud überhaupt „verfassungskonform“ sind.

Nein, ich erzähle Ihnen heute etwas über CDs und LPs und die Beatles.

Streaming

Nun, wie wahrscheinlich sehr viele in diesen Tagen, so bin auch ich dazu übergegangen, die Wohnung mal so richtig zu entrümpeln. Mal mit mehr, mal mit weniger Enthusiasmus… Heute entschied ich mich, eine Entscheidung für meine CD-Sammlung zu treffen. ca. 500. Wunderbare Klassik-Aufnahmen, Jazz, israelische und arabische Musik… Nur: wozu braucht man das noch in Zeiten des Streaming? Es gibt alles Online, ich habe Spotify und Idagio abonniert – ich finde alles, alles online. Ich habe zwar noch eine alte Anlage, die CDs und sogar noch MusiCassetten abspielen kann, aber wann habe ich diese Anlage das letzte Mal verwendet? Ist Jahre her. Ich höre Musik über Iphone, Bluetooth-Verbindung mit einem tollen Lautsprechersystem – wie heute doch fast jeder.

LPs haben eine Seele, CDs nicht

Also: 500 Cassetten entsorgen. Fiel mir zunächst sehr schwer. Und dann entschied ich mich, einige CDs dennoch zu behalten, so ganz wichtige. Oder aber Musik, die man online eher nicht oder nur schwer findet, CDs, die ich auf Reisen in irgendwelche exotischen Ländern gekauft habe. So sind immerhin noch 80 CDs übrig geblieben. Der Rest – weg. Einfach weg. Viel Platz in meinen Regalen wurde plötzlich frei. Und es fühlte sich weniger schlimm an als vor rund 20 Jahren, als ich meine Sammlung von rund 2000 LPs entrümpelte. Da fiel es mir bei jeder einzelnen irrsinnig schwer, mich zu trennen. Natürlich sind auch da die Wichtigsten geblieben. So habe ich z.B. noch die Original-LP von Pink Floyd „Atom Heart Mother“, ich habe die „Weisse“ LP der Beatles, die „Magical Mystery Tour“, „Aqualung“ von Jethro Tull und natürlich: Miles Davis und John Coltrane… Diese LPs sind immer mit mir, auch wenn ich keinen Plattenspieler mehr besitze. Aber anders als diese kleinen silbernen Scheiben, hat jede LP eine „Seele“. Und die Plattencovers hatten noch einen Sinn, eine Funktion, hatten ein Design und Ästhetik, die zur Musik und zur LP einfach dazugehörten. Was bei den CDs einfach nicht mehr der Fall ist. Ein Bildchen, vielleicht ein Heftchen mit ein paar Texten, aber irgendwie – allein schon das doofe Format – leblos, stillos.

Bravo-Beatles-Blitz-Tournee

Und wie ich das also Uri erzählte, war er – der nur 2 Jahre jünger ist als ich – überrascht, daß ich Original-Platten der Beatles habe (habe übrigens auch alle (!) Singles der Beatles). Ich erzählte ihm, daß meine Schwester, die zehn Jahre älter ist als ich, eher noch so auf Bill Haley, Chuck Berry, Elvis Presley und Peter Kraus stand, ich aber, 5 oder 6 Jahre alt, die erste Platte der Beatles hörte („She loves you“ und dann „Can’t buy me love“) – und es war um mich geschehen. Die Haare wuchsen (unter ständigem Krach und Auseinandersetzungen mit meinen Eltern, klar). Und dann nahm mich meine Schwester zur „Bravo-Beatles-Blitz-Tournee“ 1966 im Zirkus Krone mit. Unter ihrem Mantel schmuggelte sie mich ein. Ich war total aufgeregt. Hörte aber so gut wie nix von den Beatles, denn das Gekreische um uns herum war der reinste Irrsinn… Aber dennoch war es großartig.

Und während ich die CDs also aussortierte und mich damit von einer Ära – nein, nicht der Musik, sondern der Musikwiedergabe – verabschiedete, verabschiedete ich mich auch von einigen CDs von israelischen Legenden wie Arik Einstein u.a. – es gibt wirklich alles im Streaming… die Musik bleibt für mich greifbar. Zum Glück…

Entrümpeln für die „Welt nach Corona“

Aber auch wenn die Musik ja bleibt, mit der Entrümpelung verabschiedet man sich ja doch von einer Form „alten Lebens“, oder nicht? Und ich habe das Gefühl, daß das auch nötig ist. Mehr und mehr müssen wir erkennen, daß die „Zeit vor Corona“ nicht mehr zurückkehren wird. Die Welt „nach Corona“ wird noch eine ziemlich lange Weile auf sich warten lassen. Und wenn sie dann  – hoffentlich so schnell wie möglich – da sein wird, wird es ja mit Sicherheit nicht mehr sein wie „vorher“. Irgendwie muß man sich von der alten Welt verabschieden, um für die neue ohne Ballast zu sein…

Und weil wir jetzt schon so lange mit Corona leben müssen, werde ich mein Blog ab jetzt auch wieder anders betiteln, also wie früher jedes mal mit einem Titel zum Thema. Denn „in Zeiten von Corona“ ist ja nun unsere neue Realität. Es ist nicht mehr der „Ausnahmezustand“, von dem wir alle gehofft hatten, daß er ganz schnell vorbeigeht. Blog geht also weiter. Aber der heutige Blog ist dann der letzte, der 22., unter dem Titel „Tel Aviver Gedanken in Zeiten von Corona“.

Passen Sie auf sich auf! Bis zum nächsten Blogeintrag – wieder mit einem anderen Thementitel.

4 Gedanken zu „Tel Aviver Gedanken in Zeiten von Corona, 22

  1. Gut,dass Sie sich ein paar CDs aufgehoben haben ,denn wenn mal stromlose Zeiten anbrechen ( mit denen die meisten so wenig rechnen wie mit einer Pandemie )und Sie genügend Batterien gehamstert haben sollten,freuen Sie sich sicher sehr …;)
    Herzliche Grüsse 🙂

  2. Ich streame auch, klar. Aber ich muss zugeben: Ich traue mich noch nicht, das analoge Backup aufzugeben, zumal, wenn es eine lang angehäufte Sammlung ist. Ich habe Sorge, dass die Streamingangebote irgendwann eingeschränkt oder “ausgedünnt” werden. Da braucht es ja nur irgendeinen Streit um Vergütung zwischen der/den Plattform/en und einem oder mehrerer Labels geben und man sitzt auf musikalisch auf dem Trockenen. Oder bin ich da zu pessimistisch?

  3. Damit ihnen in den Corona-Zeiten nicht zu langweilig wird: Wussten Sie, dass es angeblich die Deutsch-Amerikaner waren, die beim Einzug Trumps ins Weiße Haus das Zünglein an der Waage gewesen sein könnten. Sie bilden wohl eine der größten Gruppierungen in den USA und stellen eine nicht zu vernachlässigende Minderheit in den Swing-Staaten. Ursprünglich waren ihre Vorfahren fortschrittlich, doch nachdem sie wegen der beiden Weltkriege unter Druck geríeten und ihre kulturellen Wurzeln verloren haben sie sich an den amerikanische Konservativismus angepasst. Soweit zumindest die Theorie: Why are the German-Americans Trump’s most loyal supporters? – US Election Analysis 2016: http://www.electionanalysis2016.us/us-election-analysis-2016/section-4-diversity-and-division/why-are-the-german-americans-trumps-most-loyal-supporters/
    Doch das Blatt könnte sich hoffentlich bei der nächsten Wahl wenden: Entscheiden Deutsch-Amerikaner die Wahl für Trump? https://www.tagesspiegel.de/politik/loyale-unterstuetzer-des-us-praesidenten-entscheiden-deutsch-amerikaner-die-wahl-fuer-trump/25933272.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

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