Benny GantzIsraelische Wahlen 2019

Testosterongeschüttelt

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Wer aus dem linksliberalen Lager in Israel gedacht hat, er könne Benny Gantz wählen, der sieht sich jetzt schon, zu Beginn des Wahlkampfs, bitter enttäuscht. Gantz, der ewig lange geschwiegen hat, so daß man gar nicht wußte, wofür er und seine neue Partei eigentlich stehen, hat immerhin gegenüber einer drusischen Zuhörerschaft erklärt, er werde das Nationalstaats-Gesetz korrigieren, falls er Premier würde.

„Testosterongeschüttelter Supermilitär“

Nun aber outet er sich als „Rambo“. Die Videos und Slogans, die seine Partei über Twitter und andere Kanäle veröffentlicht, sind – gelinde gesagt – schockierend. „Nur der Starke gewinnt“ heißt es da, zum Beispiel. Auch brüstet sich Gantz, daß unter seiner Führung als Generalstabschef, die israelische Armee Teile Gazas „ins Steinzeitalter“ zurückgebombt habe. Er brüstet sich, für die Tötung von Ahmad Jaabari, dem damaligen Führer des militärischen Arms der Hamas, verantwortlich zu sein, er zählt auf, wie viele Terroristen getötet wurden, kurz: Gantz gibt den „testosterongeschüttelten, machoistischen Supermilitär“.

Soll das der Weg sein, um Bibi abzulösen? Da klingt Netanyahu ja geradezu staatsmännisch und besonnen, wenn er über Krieg und Gewalt spricht – und zugegeben: Bibi war und ist kein Kriegstreiber, auch wenn viele Europäer das glauben möchten.

„Soziales“ kein Wahlkampfthema?

Was soll das, fragt man sich automatisch. Sind die Israelis mittlerweile so verroht und militaristisch, daß nur noch solch eine Sprache im Wahlkampf verfängt? Ist es die Angst, des einstigen Generalstabchefs, der in seinem Amt tatsächlich stets ruhig, zurückhaltend und, ja, auch das, gegen übertriebene Gewalt war, wie sie Bennett, Lieberman und andere während des letzten Gaza-Krieges gefordert hatten? Angst, als Weichei dazustehen?

Oder ist es die Angst, mit anderen, brennenden Themen, wie etwa der sozialen Frage, nicht punkten zu können, weil man schon im letzten Wahlkampf gesehen hatte, wie Isaak Herzog als Spitzenkandidat der Opposition mit seinem Wahlkampfschwerpunkt „Soziales“ kläglich gescheitert war?

Auf Ärgeres gefasst machen

Erst vor wenigen Tagen sagte mir jemand, er wisse noch nicht, wen er wähle, er werde das kurz vor dem 9. April entscheiden. Wer auch immer dann die besten Chancen habe, Bibi abzulösen, der erhalte seine Stimme. Denn das Wichtigste sei es, Bibi endlich loszuwerden.

Bislang gilt Gantz als größte Konkurrenz. Aber ich glaube, er hat mit seinem Wahlkampfbeginn bereits viele potentiellen Wähler verprellt. Bislang galt er als „Mitte-Links“-Kandidat. Zumindest glaubte man das. Aber was den Sprachduktus der ersten Wahlslogans und -videos betrifft, nun ja, das klingt eher nach Bennett & Co.

Der Wahlkampf hat eben erst begonnen. Man muß sich wohl auf noch Ärgeres gefasst machen…

Ein Gedanke zu „Testosterongeschüttelt

  1. Korrekt, von Gantz kamen einige harte Macho-Slogans. Ist es aber nicht so, dass eine israelische Bevölkerung, die nach Rabin Stück für Stück nach rechts gerückt ist niemand Premier werden kann, der nicht den harten Macher spielt? Und könnte es sein, dass man das als Vorleistung bringen muß (wie Rabin es auch mußte) um im Amt eventuell einen anderen, couragierten Weg einzuschlagen?

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