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Tel Aviver Gedanken in Zeiten von Corona, 10

Man verliert das Zeitgefühl. Jeder Tag ist gleich, auch wenn man sich eine Routine gibt. Es wird stiller und stiller um einen herum, man lernt die Nachbarn kennen, die man noch nicht kannte. Mehr ist nicht. Alles andere führt zu einer Art von Reizüberflutung, wie eine Freundin neulich zu mir sagte. Man ist es fast schon nicht mehr gewohnt, dem Leben draußen irgendwie ausgesetzt zu sein. (Wobei es nicht mehr viel „Leben“ draußen gibt). Einkaufen. Zu Hause sein, Spaziergang im Umkreis von 100 m. That’s it.

Netflix wirkt von Tag zu Tag immer surrealer. Menschen, die sich anfassen? Die sich umarmen? Die auf Straßen herumlaufen, die voll sind? Die in Kneipen und Restaurants sitzen? Türklinken anfassen, sich Luftküsschen geben? Gab’s so ein Leben mal? Wirklich? Können Sie sich noch daran erinnern? Das war doch eine andere Ära… irgendwann einmal, in grauer Vorzeit…

Als ich gestern beim Einkaufen war, merkte ich, wie schnell man sich adaptiert. Auf einem schmalen Bürgersteig kam mir eine Person entgegen, ich sah sofort, daß wir den 2 m Sicherheitsabstand nicht einhalten können, und so ging ich kurzerhand auf die Straße (ist ja eh fast kein Auto unterwegs), um an ihr vorbeizukommen. Das geschah einfach so, ohne „Überlegung“, automatisch inzwischen.

Ich kaufte 20 Masken aus China, kostete mich ein halbes Vermögen, knapp 200 €. Es ist ja umstritten, ob die etwas bringen, aber es kann sein, daß die israelische Regierung das Tragen von Mund-Naseschutz-Masken in der Öffentlichkeit verpflichtend macht. Dann habe ich schon mal genug für diesen Monat.

Über Nacht gab es in Bnei Brak, der ultraorthodoxen Stadt bei Tel Aviv mehr als 150 neue Erkrankungen. Allmählich beginnt die Polizei in orthodoxen Vierteln und Städten durchzugreifen, die Überlegungen, diese Orte komplett abzuriegeln, werden lauter und deutlicher. Und – brutal gesagt – man kann nur hoffen, daß dies bald geschieht. Mit ihrem bescheuerten Glauben an Gott und an das Kommen des Messias vor Pessach nächste Woche, gefährden diese fanatischen Irren das Leben aller. Und dabei hat das alles noch nicht einmal etwas mit dem echten Judentum zu tun! „Pikuach Nefesh“, das Retten von Leben, ist das allerhöchste Gebot im Judentum. Dafür können alle, absolut alle Religionsgesetze außer Kraft gesetzt werden. Auch an Shabbat, und selbst an Jom Kippur. Was soll also der ganze abergläubische Mist, den Teile der Ultraorthodoxie auch jetzt noch als „wahre religiöse Verpflichtung“ durchziehen, weil das angeblich das ist, was Gott will? Gemeinsame Gottesdienste, gemeinsame Hochzeiten, gemeinsame Beerdigungen, gemeinsames Lernen der Thora etc. Es ist wahrlich unerträglich. Aber wie ich heute morgen gelesen habe, geschieht bei den Evangelikalen in den USA genau dasselbe. Religiöser Fanatismus kennt keine Grenzen und ist wahrlich nicht nur auf eine Religion allein beschränkt…

Über eine  Million Arbeitslose hat Israel inzwischen, das sind knapp 23% der Bevölkerung. Wie überall, so will auch hier der Staat Pakete schnüren, um den Menschen zu helfen. Aber wird das wirklich funktionieren? Wie überall wird man wohl auch hier eine größere Armut erleben, wenn das alles mal vorbei sein wird. Vielleicht werden dann die total absurden Preise in Israel endlich mal fallen. Tel Aviv ist die 14 teuerste Stadt der Welt – aber die meisten Menschen verdienen nicht dementsprechend. Tel Aviv ist ungefähr um das doppelte teurer als München. Immer noch „billiger “ als Zürich, aber die Schweizer  verdienen zumindest in der Relation entsprechend den Kosten in ihrem Land. Das ist hier wahrlich nicht der Fall. Vielleicht gibt es hier also eine Chance, daß sich langfristig für die Menschen etwas verändert?

Wird „danach“ vielleicht doch einiges besser in unseren Gesellschaften? Werden wir soziale Mißstände und Revolutionen erleben? Möglicherweise Straßenkämpfe, Plünderungen, Raub, wenn die Menschen nichts mehr zu essen haben und ohne Job sind? Oder wird der Turbokapitalismus hier in Israel abdanken müssen? Und den Menschen wird eine neue Perspektive gegeben? Solidarischer, sozial gerechter?

Oder sind die Menschen so dumm, daß sie – wenn alles vorbei sein wird – ganz schnell wieder ins alte Fahrwasser zurückkehren werden und alles wird noch schlimmer, noch schneller, noch brutaler?

Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen!

 

3 Gedanken zu „Tel Aviver Gedanken in Zeiten von Corona, 10

  1. Wissenschaftler versuchen bereits auszurechnen, wie man eine Balance zwischen dem Wunsch Leben zu retten und den Notwendnigkeiten der Wirtschaft erreichen kann: Can you put a price on COVID-19 options? Experts weigh lives versus economics https://www.sciencemag.org/news/2020/03/modelers-weigh-value-lives-and-lockdown-costs-put-price-covid-19
    Wie realistische diese Kalkulationen sind bleibt abzuwarten. Wir nehmen eben alle gerade an einem groß angelegten Experiment teil. Aber eigentlich ist das Leben ja immer ein großes Experiment. Es ist einem nur nicht immer so bewusst…;-)
    Und wegen der religiösen Fanatiker, die in Krisenzeit immer und überall Konjunktur haben. Bereist bei dem großen Kollaps der Zivilisationen am Ende der Bronzezeit begannen die Menschen in Nord- und Mitteleuropa damit, den Göttern vermehrt bronzene Waffen zu opfern, indem sie sie in Gewässern versenkten. Also wieder einmal nichts neues seit Babylon….

  2. Betr: Religiöser Fanatismus. Die US-Evangelikalen sind viel gefährlicher als die Haredim.
    Ultra-Orthodoxe heucheln nicht hinter einer Allerwelts-Fassade. Sie bezeugen ihren Glauben auch äußerlich im Gegensatz zu Evangelikalen. Oder sehen Sie Pence, Pompeo und Konsortien an, dass
    sie religiöse Fanatiker sind? Im Übrigen sind Evangelikale glühende Unterstützer der Juden Israels.
    Das freut manche Israelis. Ohne zu wissen, dass sie nach der Ankunft des Messias ihrem Glauben
    abschwören müssen um als Christen ihr Seelenheil zu finden ansonsten in der Verdammnis landen.
    Feine Freunde diese Evangelikalen.

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