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Wohin soll man gehen?

Es ist nicht das erste Mal, daß meine Freunde und ich uns diese Frage stellen: Wo kann man als Jude noch leben? Wohin soll man gehen? Vielleicht muß ich den Begriff noch einengen: wo kann man als aufgeklärter, liberaler Jude noch leben? In Europa wird die Lage zunehmend eng. In Deutschland wird in einem renommierten Magazin ein Artikel veröffentlicht, der antisemitische Züge aufweist und eine jüdisch-zionistische Verschwörung insinuiert, in Frankreich wird der Mörder von Sarah Halimi, einer Jüdin, von einem Richter als nicht verantwortlich für seine Tat gesehen, weil er vorher Marijuana geraucht hat. In England versinkt die Labour-Partei unter Jeremy Corbyn in einem antisemitischen Sumpf. Und das sind nur Beispiele allerjüngsten Datums.

Nirgends. Anything goes

Und in Israel: Da dürfen Minister rassistische Äußerungen gegen Palästinenser, Schwule, Säkulare, Liberale, „Linke“ ungestraft von sich geben, da dürfen sie bereits darüber schwafeln, wie sie nach den nächsten Wahlen die Unabhängigkeit des Obersten Gerichts aufheben wollen. Und nichts geschieht. Nirgends. Anything goes.

Bedrohte liberal-säkulare jüdische Existenz

Wohin soll man gehen? Wo bleibt man? Was soll man tun? Liberal-säkulare jüdische Existenz ist bedrohter denn je. In Europa richtet sich der Antisemitismus gegen alle Juden, klar. In Israel richtet sich der Hass einer wachsenden Mehrheit gegen die „Tel Avivis“, womit nicht nur die Einwohner der Mittelmeermetropole gemeint sind, sondern Menschen, die ein offenes, pluralistisches Leben des 21. Jahrhundert jedem totalitären, autokratischen oder gar theokratischen Konzept vorziehen. Ich kenne viele fromme oder rechtskonservative Olim, die sich super wohl fühlen in Israel, weil der Hass, den die Regierung Netanyahu verbreitet, sich natürlich nicht gegen sie richtet, sie, die neuen Wähler der israelischen Rechten.

Aber ist Israel noch das Land für alle Juden, wenn es so weitergeht wie bisher? Ja, die Wahlen am 17.September sind ein Scheideweg für das Land. Aber auch das, was in Europa vor sich geht, wird zum Scheideweg für Juden. Und die USA des Donald Trump sind für Juden auch keine „goldene Medine“ mehr.

Derselben Gefahr ausgesetzt

Die Zeiten sind düster. Sehr düster. Und ich muß ständig an meine knapp 95jährige Mutter denken, die vier KZ der Nazis überlebt hat. Am Ende ihres Lebens sieht sie ihre Kinder, Enkel- und Urenkel wieder derselben Gefahr ausgesetzt, die sie schon einmal durchmachen mußte in ihrem Leben. Sie tröstet sich damit, daß wir uns in der Schweiz und in Israel befinden, an Orten also, die in einem Fall „friedenssicher“ und im anderen „sicher vor goyischen Antisemiten“ sind. Natürlich erkläre ich ihr nicht, daß selbst in der Schweiz und natürlich in Israel die Situation alles andere als rosig ist.

Aber was sollte ich ihr auch schon sagen können? Einen Ort, an dem wir hin könnten und wo man uns endlich in Ruhe lassen würde? Es gibt ihn nicht. Heute vielleicht noch weniger als früher. Das ist vielleicht der Unterschied zur Nachkriegszeit. Da hatte man noch Hoffnung: Auf ein sicheres Leben in den USA, ein vernünftiges Leben im befriedeten Europa, ein selbstbestimmtes Leben in Israel. Es war einmal.

2 Gedanken zu „Wohin soll man gehen?

  1. Lieber Richard, ich kann Dein Dilemma gut nachvollziehen. Mir geht es als liberalen und demokratischem Goy ähnlich. Was hilft? Wir müssen alle zusammenstehen. Antisemitismus ist ein Angriff auf die gesamte Gesellschaft, auf uns alle. Und ich werde meinen bescheidenen Beitrag leisten, dass Du auch in München sicher bist.

  2. Ich schließe mich meinem Vorkommentator an. Aber mir gehen dabei auch noch andere Gedanken durch den Kopf:

    Man kann auf der ganzen Welt leben, wenn man die Kultur des jeweiligen Landes und ihre Menschen respektiert und versucht ein Teil ihrer Gesellschaft zu werden. Schwer wird es dagegen immer, wenn man betont, anders zu sein und es auch bleiben zu wollen. So haben etwa Psychologen herausgefunden, dass Studenten, die man per Zufall auf zwei verschiedene Gruppen aufteilte und der einen Gruppe rote T-Shirts und der anderen grüne T-Shirts zum anziehen gab, eine ausgeprägte Gruppenidentität entwickelten, die die Mitglieder der jeweils anderen Gruppe ausschloss. Minimal group paradigm: https://en.wikipedia.org/wiki/Minimal_group_paradigm. Wenn diese Gruppen nun gemeinsame Aufgaben lösen mussten, entwickelte sich nach einiger Zeit doch wieder ein Gemeinschaftsgefühl und die zuvor entstandenen Gruppenzugehörigkeiten lösten sich wieder auf. Das extremste Beispiel für solch einen Fall scheint mir die Geschichte von “Hitlerjunge Salomon” zu sein, der aus einer Notsituation heraus einfach so tat, als ob er einer der Hitlerjungen ist und so wurde er von allen als dazu gehörig akzeptiert. Meines Erachtens ist dieser Film einer der besten “Anti-Nazi” Filme überhaupt. Weil er die Denkschemata sowohl der Nazis als auch der Juden in Frage stellt. Die Nazis behaupteten die Juden seien anders, als der Rest der Deutschen, die ja auch nur eine Mischung aus verschiedenen Volksgruppen sind, die hier irgendwann einmal im Laufe der langen Geschichte hängen geblieben sind. Zum anderen irritiert der Film vielleicht auch manchen Juden, der verwundert ist, dass man durch Anpassung selbst in der Höhle des Löwen unbeschadet überleben konnte. Ich frage mich manchmal, ob sich die Juden nicht viel Leid in ihrer langen Geschichte hätten ersparen können, wenn sie sich von ihren Priestern in die ideologische Sackgasse hätten treiben lassen, in der sie sich oft noch heute befinden, sondern sich mit anderen Volksgruppen vermischt hätten, wie dies bei allen anderen Völkern der Fall war.

    Wenn man aber nun unbedingt auf seiner Andersartigkeit bestehen möchte. wäre es gut, wenn die Mehrheit mit der Minderheit positive Assoziationen verbindet. So berichtet etwa Arun Ghandi in seinem Buch “Wut ist ein Geschenk”, dass die Zoroastrier, nachdem die Muslime Persien erobert hatten, den indischen König darum baten, in Indien aufgenommen zu werden. Der indische König antwortete jedoch, sein Land sei schon voll und veranschaulichte dies mit einem vollen Glas Wasser. Daraufhin soll der Anführer der Zoroastrier einen Löffel Zucker genommen, ihn in das volle Glas Wasser getan und versprochen haben, dass die Zoroastrier fortan zur Süße in der indischen Gesellschaft beitragen werden. Seither fördern reiche zoroastrische Familien, wie etwa die Familie Tata, Projekt zur Unterstützung armer Menschen in Indien. Eine Minderheit kann also durchaus einen eigenen Beitrag dazu leisten, wie sie von der Mehrheit wahrgenommen wird. Gar nicht gut ankommen tut da die Rolle des ewigen Moralapostels, der ständig den Finger in die immer gleiche, offene Wunde legt. Irgend wann wird es eine Generation geben, die dieses Spiel nicht mehr mit macht und für die die Juden in Deutschland einfach ganz normale Mitbürger sind und keine privilegierten, heiligen Kühe. Zumal Religion in unserer Gesellschaft eine immer geringere Rolle spielt. Schließlich laufen den Kirchen die Gläubigen in Scharen davon.

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